• Auswärtige Kulturpolitik: Goethe und der globale Horizont - Joschka Fischers Programm 2000

Kultur : Auswärtige Kulturpolitik: Goethe und der globale Horizont - Joschka Fischers Programm 2000

Caroline Fetscher

Minister regieren das Land, Gelder die Welt. Raten Sie mal: Wie lang ist der Löffel, den der "Kulturhaushalt des Auswärtigen Amtes" in die Schüssel des Bundeshaushaltes eintaucht? Den Boden der Schüssel, wo die sattmachenden Sachen liegen, erreicht das Stück Besteck bestimmt nicht. Knapp den Rand, eher. In Zahlen sieht das derzeit so aus: der Kulturhaushalt insgesamt beträgt 1.104 Millionen Mark. 31,8 Prozent davon fließen in die auswärtige Kulturpolitik. Das sind 0,23 Prozent des Bundeshaushaltes. Und das sind 0,03 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Drei Reiskörner.

Außenminister Joschka Fischer sprach, als gestern im Auswärtigen Amt ein öffentliches Forum zum Thema Auswärtige Kulturpolitik tagte. Präsident und Generalsekretär des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann und Joachim Sartorius, waren erschienen, und auch der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann. Die neuen Leitlinien lagen aus im einstigen Bau des Zentralkommittes der SED, sowie schwere Broschüren von DAAD bis Inter Nationenes. Und die lakonische Liste von über 40 geschlossenen Goethe-Instituten seit 1990: Florenz und Kabul liest man da, Hyderabad und Kathmandu, Medellin, Harare, Lahore, Seattle, Cincinatti. Nun mag man sich fragen, ob Kultur in Hyderabad nicht auch ohne Uwe-Timm-Lesung leben kann, ohne Grammatik-Grundkurs und Wim-Wenders-Filmabend. Hört man dem Minister zu, geht es künftig in der auswärtigen Kulturpolitik um weit mehr als das.

In der globalisierten und postnationalen Welt, führte Fischer aus, in der Welt des Internet, vernetzt auch durch die Lingua Franca, Englisch, müsse sich der "Zugang zur kulturellen Repräsentanz" grundlegend ändern. Auswärtige Kulturpolitik, "auch in schwierigen Partnerländern" soll jetzt einen weiteren Horizont haben. Sie soll in der Architektur des auswärtigen Politik nicht länger dessen "dritte Säule" sein. Fischer kreist um den zentralen Ort der Zukunft: Das Recht. Beim Kulturaustausch geht es um Menschenrechte, legt er dar, um internationale Standards, unabhängig vom kulturellen Hintergrund wie islamisch, westlich oder christlich. "Sie sind kein Exportprodukt". So wünscht sich Fischer auch für ein neues Goethe-Institut in Teheran, einem Land, das den Dialog mit Deutschland sucht.

Scharf wird sein Ton, wo er das Bild der Deutschen im Ausland betrachtet. Wie sollen wir für die besten Köpfe dort attraktiv sein, solange Indien fragen: "Bin ich denn bei Euch sicher mit meiner dunklen Hautfarbe vor Euren Skinheads?" Auch das Skandalon, dass dunkelhäutige Wissenschaftler kaum noch an ostdeutsche Universitäten zu vermitteln seien, treibt Fischer um. "Verheerend und nicht bezahlbar", nennt er es. "Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen!" Kultur: Fischer sieht in ihr ein globales Medium für Werte, soziale Innovation, und Rechtsbewusstsein. Doch überall, auch in der auswärtigen Kulturpolitik, wird hier gespart. "Schmerzhaft" findet das der Minister. Und tröstet, das sei auch eine Chance, den "großen Reformbedarf" etwa beim Goethe-Institut voranzutreiben. Merkwürdig: Auf nahezu selbstverleugnende Weise stimmten dem viele zu. Kultur müsse eine Priorität der Politik werden, mahnte Rita Süssmuth in der Diskussion. Dann müssen wir weg von den 0,03 Prozent "Kultur" im Bruttoinlandsprodukt.

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