Autobiographie : Veit und Thomas Harlan: Das Trauma-Team

Durst nach Schuld: In seinem posthum veröffentlichten Erinnerungen beschäftigt sich der Schriftsteller und Filmemacher Thomas Harlan wieder einmal mit seinem Lieblingsthema: seinem Vater Veit, dem Regisseur des antisemitischen Propagandafilms "Jud-Süß".

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Eine deutsche Familie. Veit Harlan und Hilde Körber mit ihren Kindern Thomas und Maria Christiane (1933).
Eine deutsche Familie. Veit Harlan und Hilde Körber mit ihren Kindern Thomas und Maria Christiane (1933).Foto: Ullstein Bild

Ein Tableau des Sterbens: Veit Harlan moribund in Capri, eine große Zeremonie des Abschieds. Der Regisseur von „Jud Süß“ hat den verlorenen Sohn 1964 herbeigerufen. Thomas Harlan, der seinen filmkunstbesessenen, gesellschaftlich erfolgreichen, im Umgang charmanten und gewitzten Vater bis in die Nachkriegszeit verehrte, ist gekommen: „Ich lag neben ihm, als er starb.“ Jetzt stirbt der Sohn und bittet den Vater hinzu.

„Veit“, nach Harlans Tod mit 81 Jahren im letzten Oktober nun posthum erschienen, ist Komprimierung und Poetisierung, mit Schlaglichtern auf die „Generation der Schufte“, mit zentralen Szenen aus den Biografien von Vater und Sohn: Veit Harlan, wie er 1940 mit Goebbels und Kristina Söderbaum, seiner Frau und Hauptdarstellerin, die umjubelte Uraufführung von „Jud Süß“ bei den Filmfestspielen von Venedig erlebt oder wie er mit einer Heerschar von Statisten 1944 den Durchhaltefilm „Kolberg“ dreht. Thomas Harlan, wie er mit dem Freund Klaus Kinski in der Nachkriegszeit ein Münchner Kino anzündet, weil es Harlan-Filme zeigt. Dazu knappe Erinnerungen an die Kindheit in Kreisen der Nazi-Elite.

Die Urszene geht so: Eines Nachts weckt den Jungen der Propagandaminister und fährt ihn mit Wagen-Eskorte in das arisierte, jetzt nur für ihn geöffnete Kaufhaus Wertheim. Das Personal steht stramm. Goebbels, nettester Onkel aller Zeiten, fordert den Jungen auf, sich eine wunderbare Märklin-Modelleisenbahn auszusuchen. Thomas Harlan litt darunter, dass seine Vorteile als „Sohn des nationalsozialistischen Trösters und Filmgotts“ nach 1945 einfach nicht aufhören wollten. Er verließ Deutschland: „weil ich meines Namens wegen in einem solchen Maße den Freundlichkeiten und der Sympathie meiner Mitbürger ausgeliefert war, dass ich umsonst bekam, wofür andere bezahlen mussten…“ Allein dieser Satz ist ein pointiertes Stück frühbundesdeutscher Mentalitätsgeschichte.

Über 20 Millionen Menschen haben bis 1943 „Jud Süß“ gesehen. Der platte Antisemitismus wurde hier so doppelbödig inszeniert, dass auch komplexere Gemüter den Eindruck haben konnten: Es ist was dran an der Sache. Ein Land wurde „auf seine Morde eingestimmt“. Trotzdem: Hat die lebenslange Fixierung auf die Schuld des Vaters nicht etwas von einer fixen Idee? Schließlich war Veit Harlan kein Himmler oder Heydrich. Eben drum! Bei denen gibt es kein moralisches Zwielicht, ihr Großverbrechertum steht außer Frage. Anders bei all den geschönten, camouflierten Biografien, wo die Einschätzung schwankt zwischen Mitläufer oder Massenmörder. Das lässt keine Ruhe. Hat der Vater, angestiftet von Goebbels, in der Nazi-Film-Industrie seine erbärmliche Schuldigkeit getan – oder hat er erbarmungswürdige Schuld auf sich geladen? Von diesem Zwiespalt, der ein Abgrund ist, hat Thomas Harlans Moralismus seinen Impetus bezogen.

Thomas Harlan.
Thomas Harlan.Foto: picture alliance / dpa

So hat er, Tausende von Dokumenten ausgrabend, viele „Mitläufer“ als Massenmörder kenntlich gemacht. Er hat den „zur Harmlosigkeit verzerrten“ Existenzen die Maske abgerissen und sich immer wieder empört darüber gezeigt, dass die Verstrickung in die Kriegsverbrechen kein Karriere-Nachteil war. Es habe in der frühen Bundesrepublik mehr nationalsozialistische Richter, Polizeibeamte und Diplomaten gegeben als im „Dritten Reich“. Wohl wahr: im „Dritten Reich“ gab es ja noch viele, die von Kaiserreich und Weimarer Republik geprägt waren. Andererseits stellt sich die Frage, ob Nationalsozialismus eine Essenz ist, die den jugendlichen Karrieristen der 30er Jahre lebenslang anhaften musste.

Dieses letzte Buch hat Harlan, bereits schwer gezeichnet von Krankheit, diktiert anhand seiner Aufzeichnungen. Es hat die wuchernden Satzgebilde und den kraftvollen Rhythmus, wie man sie aus seinen Romanen kennt. Trotzdem besitzt „Veit“ etwas Mündliches in der litaneiartigen Form der Vater-Beschwörung, in der pathetischen Du-Anrede: „Du unabschätzbarer unter den Tätern, tatenloser Gewaltmensch, tadelloser Gewalttäter…“

Den Zusammenhängen zuliebe, die den Nachgeborenen langsam entschwinden, müsste „Veit“ in einer Dreier-Edition erscheinen: mit dem Film „Jud Süß“ und den Gesprächen „Das Gesicht deines Feindes“, die Jean-Pierre Stephan vor fünf Jahren mit Thomas Harlan führte. Sie geben ein beeindruckendes Bild von seinem Leben und Leiden, machen den Furor der Recherchen erfahrbar, mit denen er seit den 50er Jahren die Honoratiorengesellschaft der ehemaligen Massenmörder aufstörte und zahlreiche Nazi-Prozesse mit Material belieferte. Ersatzweise gibt es hier 60 vorzügliche Seiten Anhang mit biografischen, historischen, juristischen Erläuterungen zum „Jud Süß“-Komplex.

In den mit religiöser Bedeutsamkeit aufgeladenen Schlusskapiteln wird Veit zum Phantasma eines kafkaesken Vatergottes, der dem ewigen Sohn die Schuld vergeben möge: Schuld der Selbstgerechtigkeit, Schuld, den Vater mit seiner Last allein gelassen zu haben. Aus dem anklagenden „wegen Dir“ wird das leidende „an Deiner Statt“: „Vater, ich bin bereit, deine Schuld auf mich zu nehmen“ – die Paradoxie besteht freilich darin, dass der Vater diese Schuld nie akzeptierte. Schwer erträgliche Sätze folgen: „Ich habe einen schrecklichen Film gemacht. Ich habe ‚Jud Süß’ gemacht… Ich habe die Männer von Lublin erstickt.“

Es ist, als würde der Durst nach Schuld Thomas Harlan überleben. Dieser Vater und dieser Sohn waren ein unvergleichliches Trauma-Team. Mit dieser lapidaren Feststellung darf man das biblische Nachfolge-Pathos und die bisweilen schmerzensmännliche Verquältheit von „Veit“ unterlaufen. Und hinzufügen: Es ist eine große Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Thomas Harlan: Veit. Unter Mitarbeit von Jean-Pierre Stephan und Sieglinde Geisel. Rowohlt, Reinbek 2011. 156 S., 17,95 €.

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