Kultur : Autoren denken über Heimat und Fremde in der Literatur nach

Claudia Keller

"Das Geld ist hier klug. Es weiß, wo es sich hinlegt: In die Portemannie. - Die Menschen hier fassen ihre Portemannie an wie die Heilige Schrift. Unsereins aber hat das Geld in der Hosentasche." Bitte was? "Portemannie"? Und überhaupt: Kann sich Geld "hinlegen"? In Emine Sevgi Özdamars Buch "Mutterzunge" schon. Özdamar ist in der Türkei aufgewachsen und in den sechziger Jahren als Fabrikarbeiterin, später als Schauspielerin nach Deutschland gekommen. Seit den achtziger Jahren schreibt sie auf Deutsch und wurde 1992 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Zusammen mit Doris Dörrie eröffnete sie am 2. Mai die Lesereihe "Deutschland neu lesen", die das Literarische Colloquium am Wannsee zusammen mit dem Haus der Kulturen der Welt im Rahmen des Veranstaltungsprogramms "Heimat Kunst" organisiert. Özdamar beschreibt, wie es einer Türkin ergehen kann, die auszog, um in einer deutschen Fabrik zu arbeiten. In entgegengesetzter Richtung folgt Dörrie in ihrem Roman "Was machen wir jetzt?" einem deutschen Mitvierziger in ein buddhistisches Kloster.

Die Texte von Emine Sevgi Özdamar oder Yoko Tawada, deutschsprachige Autorinnen nicht-deutscher Herkunft, sollen nicht mehr als "Migrantenliteratur", sondern als genuiner Bestandteil der deutschen Literatur gelten, betonen die Veranstalter. Deshalb werden diese Autorinnen und weitere Autoren in den nächsten Wochen im Doppelpack mit je einem deutschsprachigen Autor deutscher Herkunft lesen, mit Marcel Beyer und Julia Franck zum Beispiel. Auch die bisher üblichen Klassifikationen "interkulturelle Literatur" oder "andere deutsche Literatur" wollen die Veranstalter über Bord werfen.

Doch so einfach ist es nicht mit der "deutschen" Literatur. Schaffen Autorinnen und Autoren wie Emine Sevgi Özdamar nicht etwas völlig Neues, wenn sich in ihren Erzählungen und Romanen türkische Erzähltraditionen mit der deutschen Sprache kreuzen? Lassen sich diese neuen Texte überhaupt an die deutsche Literaturtradition anschließen? Wenn nicht, dienen sie dann nur der reinen Selbstverständigung einer Minderheit? Dass sich über diese Fragen streiten lässt, beweisen die Literaturkritiker Martin Lüdke, Carmine Chiellino, Karl Corino und Karin Yesilada auf einem Podium im Haus der Kulturen der Welt.

Die "deutsche" Literatur sei noch nie monokulturell geprägt gewesen, befindet Corino. Suchte nicht Goethe den Anschluß an die Weltliteratur? Außerdem orientiere sich heute jeder deutsche Autor an amerikanischen Erzählern. Dennoch besteht ein Unterschied darin, ob Marcel Beyer Raymond Carver liest oder Yoko Tawada ihre Sprache, in der sie schreibt, wechselt. "Wenn ich deutsch spreche oder schreibe, dann schreibe ich in einer Sprache ohne Gedächtnis", sagt Chiellino.

Schreiben setzt für ihn das Fremdsein in der Sprache voraus. Ist nicht dieser fremde Blick auf die Sprache, auch auf die eigene Muttersprache, die Voraussetzung jeglichen literarischen Schreibens? Denn erst dadurch kann sich ein alltäglicher Vorgang in der literarischen Beschreibung surreal aufladen: Kann sich Geld in die "Portemannie" "legen". Genau darin liegt, sitzt oder be-steht die verstörende Faszination der Texte von Emine Sevgi Özdamar oder Yoko Tawada, egal ob man sie nun als "interkulturell" oder "deutsch" bezeichnet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben