Kultur : Babel oder Bubble

Seifenblasen: Halbzeit beim Theatertreffen

Peter von Becker

Das 45. Berliner Theatertreffen schwebt, taumelt, stolpert zur Halbzeit zwischen Glück und Pech zugleich. Die alles überragende Aufführung, der „Onkel Wanja“ in Jürgen Goschs Regie, kommt vom Deutschen Theater Berlin, also ist dieses schauspielerische und inszenatorische Meisterwerk ohnehin ein Heimspiel. Dafür können das Theatertreffen und seine Jury nichts. Doch fehlt es nun umso mehr am Gastspielglanz – und gegenüber dem Weltklasse-„Wanja“ an künstlerischer Augenhöhe.

Sportlich gesprochen, haben in erheblichem Abstand bislang nur die scharfen, schmalen „Ratten“ (wiederum vom Deutschen Theater) Erstliga-Format – und aus München Thomas Ostermeiers fabelhaft puristische Adaption des Fassbinder- Films der „Ehe der Maria Braun“: mit der klirrend sanften, heißcoolen Brigitte Hobmeier als Titelfigur. So bleibt im Rahmen eines deutsch- österreichisch-schweizerischen Spitzenfestivals nach fast anderthalb Wochen: gerade ein einziges ausstrahlendes Gastspiel. Und schon die Eröffnung durch den geistlosen Münchner „Sturm“ wurde in den Schatten gestellt durch eine zeitgleich im Berliner HAU zu sehende szenisch-musikalische Beschwörung von Symbolismus, Märchen-Magie und frühkapitalistischen Illusionswerkstätten: durch Christoph Marthalers außer Konkurrenz laufenden „Maeterlinck“ aus dem belgischen Gent.

Auch das Theatertreffen hat Ende der Woche noch einen Marthaler zu bieten, und der Zürcher „Hamlet“ mit dem tollkühnen Spieler Joachim Meyerhoff steht noch aus. Aber einiges hat das Publikum mit großer (in früheren, kritischeren Zeiten undenkbarer) Langmut und Freundlichkeit ertragen müssen. Kleine Produktionen, die beim vermeintlichen Bestentreffen plötzlich ungeheuer aufgeblasen erscheinen und von der fleißigen, mitunter aber etwas schlicht argumentierenden Jury auch noch mit erstaunlichen Lobgesängen präsentiert werden. Zum Beispiel „Pornographie“.

Da hat der englische Dramatiker Simon Stephens, der zuletzt mit seinem Irakkriegsfolgen-Drama „Motortown“ aufgefallen ist, für die koproduzierenden Schauspielhäuser in Hannover und Hamburg einen losen Szenenreigen verfasst. Der Titel scheint reine Spekulation, hat mit dem Inhalt praktisch nichts zu tun. Ein Gutdutzend Figuren erzählen, wie sie in London ein, zwei Tage um den 7. Juli 2005 verbracht haben: die Zeit, als die britische Hauptstadt den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhielt und in die Euphorie danach die Selbstmordattentate in Londons U-Bahn und Bussen platzten. Alltäglichkeit und hintergründiger, untergründiger Wahnsinn überschneiden sich plötzlich, in Monologen, in familiären oder beruflichen Kleinszenen, unter Paaren und Passanten. Das alles wirkt sympathisch, schnell durchschaubar, gut gemeint. Was für die Werkstattbühne.

Sebastian Nüblings Uraufführungs-Inszenierung aber dehnt das Stückchen auf Breitwandformat, vor das RiesenbühnenBild des Brueghelschen „Turmbaus von Babel“, und vor so viel falscher Prätention zerfleddert der Text, bleibt von den Gesichtern der Akteure im Berliner Festspielhaus kein Gesicht. Schade, denkt man, vertane Mühe, von allen. Es hätte ja im vergangenen Jahr für das Theatertreffen-Auswahl auch Alternativen gegeben. Und das unheimlichere neue London-Stück läuft sowieso schon in Berlin, Martin Crimps „Die Stadt“ an der Schaubühne.

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