Bach-Abend des Philharmonischen Chors : Was von Herzen kommt

Der Philharmonische Chor gibt einen Bach-Abend in der Berliner Philharmonie.

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Foto: Monika Rittershaus/Philharmonischer Chor

Traditionen mischen sich, wenn „Preußens Hofmusik“ auf den Philharmonischen Chor Berlin trifft, um die Matthäus-Passion von Bach zu interpretieren. Preußens Hofmusik, ein Orchester zusammengesetzt aus Mitgliedern der Staatskapelle und Gästen, spielt zwar auf modernen Instrumenten, öffnet sich aber historischer Aufführungspraxis. Denn am ersten Pult der Violinen sitzt Stephan Mai, einer der Konzertmeister der renommierten Akademie für Alte Musik, und seine animierende Körpersprache bildet Konkurrenz und Hilfe für den Maestro am Dirigentenpult.

Seit 2003 leitet Jörg-Peter Weigle den vor 130 Jahren gegründeten Chor. Das heißt für ihn, klassische Oratorientradition mit aktueller Spielweise zu verbinden. Gern experimentiert er auch auf Seitenpfaden der Musikgeschichte.

So sind zehn Jahre vergangen seit der letzten Aufführung der Matthäus-Passion durch den Chor. Neu ist die Zusammenarbeit mit Preußens Hofmusik, die für lineare Transparenz und Bläserglanz einsteht. Wo ließen sich die „Tropfen meiner Zähren“ lieblicher vernehmen als hier in der Philharmonie?

Die Konzentration überträgt sich auf das Publikum

Ein Andachtsbild, sehr zart und getragen, bleibt „Wenn ich einmal soll scheiden“, während die Choräle im übrigen in natürlichem Fluss mit deutlichen Dissonanzen musiziert werden. Auch das Crescendo „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“ folgt im Ausdruck als Seelenmusik. An der Spitze blendender Chorvirtuosität steht der Vivace-Satz „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“, der auf die Gefangennahme Jesu reagiert. Bei stilistischer Großzügigkeit herrscht eine Konzentration, die sich spürbar auf das Publikum überträgt.

Zahlreich sind die Knaben des Staats- und Domchors um die Orgelempore postiert, um den Cantus firmus von oben strahlend in den Saal zu schicken.

Gesegnetes Sachsen – als Land der Musik: Konzertmeister Mai kommt aus Leipzig, Jörg-Peter Weigle war Thomaner, Andreas Scheibner Kruzianer, bevor er an der Semperoper Karriere machte. Die Christus-Partie gibt er unsentimental, mit herber, eindrucksvoller Diktion: „Ich werde den Hirten schlagen.“ Hervorragend in Leuchtkraft und Affekt klingt „Ich will dir mein Herze schenken“ von der Sopranistin Letizia Scherrer, die weiteren Arien singen Ivonne Fuchs und Tobias Berndt auf fesselndem Niveau.

Und noch ein Leipziger: Als Evangelist ist André Khamasmie zu entdecken. Berichterstatter in schöner Rede, höhensicher, scheinbar beiläufig und dabei voller Hingabe.