Kultur : Bach: Colloquium im Musikinstrumenten-Museum (Wissenschaft)

Carsten Niemann

Vor einem knappen Vierteljahr erst ist das seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen geglaubte Notenarchiv der Singakademie zu Berlin nach Deutschland zurückgekehrt. Am Freitag stellten Christoph Wolff, der das Archiv im Sommer 1999 in Kiew aufgespürt hatte, sowie eine Reihe weiterer Musikwissenschaftler die ersten Ergebnisse ihrer Beschäftigung mit dem Fund dar. Ein Ereignis, das nicht nur von wissenschaftlicher Bedeutung ist, wie Wolff zu Beginn des Colloquiums im Berliner Musikinstrumenten-Museum deutlich machte: "Das wieder aufgefundene Material wird unser Musikleben spürbar bereichern." Obwohl die "Bachiana" im Mittelpunkt des Medieninteresses standen, macht diese Sammlung von Werken der Bachfamilie nur zehn Prozent der etwa 5200 Titel des Gesamtbestands aus. Wegen zahlreicher Eintragungen von der Hand des Thomaskantors sind die Manuskripte für die Wissenschaft von großem Interesse. Wichtig für Musiker und Konzertgänger sind dagegen die Werke, die singulär überliefert sind: Hierzu gehören allein fünfzig Kantaten von Georg Philipp Telemann sowie zwanzig Passionsmusiken von Carl Philipp Emanuel Bach, aber auch ein unbekanntes Werk von Friedrich dem Großen. Neue Einblicke versprechen Werke aus dem Besitz der Königin Sophie-Charlotte, aber auch Nachlässe Berliner Kantoren, in denen sich immerhin zeitgenössische Abschriften von Werken eines Heinrich Schütz befinden. Bis der Riesenbestand mit seinen 500 000 Notenseiten allerdings erfasst und katalogisiert ist, wird noch viel Zeit vergehen. "Fünf bis sechs Jahre", schätzt Helmut Hell, Leiter der Musikabteilung an der Staatsbibliothek, die das Notenarchiv für die Singakademie als Depositum beherbergt. Die zusätzlichen Drittmittel einwerben zu müssen, bereitet Hell keine Sorgen: "Die Bedeutung der Sammlung" meint er, "wird leicht zu vermitteln sein".

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