Bachs Johannespassion : Du bist voll Erbarmen
19.03.2012 00:00 UhrLesen Sie weiter, was evangelische Theologen zu dem Thema sagen
Dem Choral „Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!“, der die Juden zu Gottesmördern macht, stellen Bruckstein und ihre Mitstreiter Friedrich Nietzsche zur Seite: „Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet – ihr und ich. Unter unsern Messern ist er verblutet ...“ Nietzsche gibt nicht den Juden die Schuld, sondern uns allen, uns allen mit unseren Sünden. Sie zitieren auch aus Paul Celans Gedicht „Brandmal“: „Wie schliefen nicht mehr, denn wir lagen im Uhrwerk der Schwermut; und bogen die Zeiger wie Ruten ...“. Der originale Text spiegelt Petrus’ Reue wider, weil er Jesus verleugnet hat. „Petrus wünscht sich, er könnte die Zeit zurückdrehen, aber er kann es nicht“, sagt Shulamit Bruckstein Coruh. Deshalb habe sie oft an Celans Uhrwerk der Schwermut gedacht.
Bei Celan schwingt auch Auschwitz mit. Aber führt eine Spur von Golgatha nach Auschwitz? „Ja, so kann man die Kreuzigung weiterdenken“, sagt der evangelische Theologe Peter von der Osten-Sacken. Er hat wie kaum ein anderer Theologe die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens erforscht. „Das neue Passionsprojekt setze endlich der johannäischen Judenschaft etwas entgegen“, sagt er. Die Johannespassion unkommentiert stehen zu lassen, grenze an Antisemitismus. Ihm graust davor.
Kritiker: Die Passion ist Weltkulturerbe und darf nicht angetastet werden
Kommentare stören nur, sagen dagegen Mitglieder der Berliner Domgemeinde: „Wir haben verlernt, Dinge einfach mal zu akzeptieren, wie sie sind“, sagt eine Frau. Sie habe viele Jahre in Frankreich gelebt und interreligiös gearbeitet. Dort würden Rabbiner über jüdische Gelehrte sprechen, Muslime über islamische Traditionen, Christen interpretierten christliche Texte. „Da kommt niemand auf die Idee, die Dinge zu vermischen.“
Die ausgewählten neuen Texte seien großartig, da solle man sie nicht missverstehen, sagt Claudia Herzfeld, langjähriges Mitglied der Domgemeinde. Aber eben nicht als Teil der Bach’schen Passion. Die sei Weltkulturerbe und dürfe nicht angetastet werden. Die jüdischen Künstler sollten eine neue Passion schreiben, wenn ihnen die alte nicht passe. Aus Protest will sie aus der Domgemeinde austreten. Als die Passion in der neuen Ha’atelier-Fassung in gekürzter Version im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ in Minden aufgeführt werden sollte, weigerten sich die Orchestermusiker zunächst, sie zu spielen. In Berlin stehen die Musiker und der Domkantor Tobias Brommann hinter dem Projekt. „Ich habe bei vielen Arien große Fragezeichen, bei den originalen wie bei den neuen“, sagt Brommann. Er habe sich noch kein abschließendes Urteil gebildet, grundsätzlich sei es eine „interessante neue Annäherung“. Wer lieber das Original hören mag, könne ja am Sonnabend kommen.
Die Johannespassion in Ha’atelier-Textfassung wird aufgeführt am 23.3., 19 Uhr; das Original am 24.3., 18 Uhr, im Berliner Dom, Karten 6 bis 28 €.








