Kultur : Bärtiges Blau

Enno Poppe, Marcel Beyer im Magazin der Staatsoper

Christiane Tewinkel

Herrlich die Rezeptionsanweisungen, die die Berliner Aufführung von Enno Poppes und Marcel Beyers neuem Musiktheaterstück „Arbeit Nahrung Wohnung“ begleiten. Zwar ist das Licht im Magazin der Staatsoper viel zu schlecht zum Lesen, zwar lädt Anna Viebrocks Bühnenbild aus Schulstube und harmoniumbewehrtem Wohnzimmer, Küche und Maschinenraum dazu ein, nach vorn zu starren, wo sich Robinson (Graham F. Valentine) nach Art des hampeligen Kramer aus „Seinfeld“ verrenkt und scharf prononcierte Worte ausstößt, oder neben die Bühne, wo die bärtigen, marineblau gekleideten Mitglieder der Musikfabrik Rundlauf um den Flügel spielen werden.

Doch wer auch trotz der immerhin zwei Musiktheaterstunden für 14 Herren noch nicht genug erfährt über diesen Robinson, darf im Programmheft etwa versuchen zu lesen, dass ihm sein Freitag, den Omar Ebrahim mit schön-stolzem Bariton singt, fehlt, „sei es, dass er seine Gesellschaft vermisst, sei es, dass er spürt, er wird das Leben allein nicht meistern können“.

Das Problem ist nur: Aus dem Geschauten und Gehörten gehen solcherlei Feinheiten der Text- und Themenausdeutung nicht hervor. Beyers wunderlich gesetzte Worte – Fundgruben etymologischer Schätze, Haken schlagende Eingebungen zu allen Bereichen, die einen Robinson belangen mögen – gehen in Poppes britzelig zerstäubender Musik unter, werden ins Unverständliche hineinvertont, wie überhaupt von einer Handlung außer der Ansage, dass dieses Stück nicht mit dem Verschellen Robinsons, sondern seiner Rettung beginnt, wenig zu spüren ist – höchstens klamottige Bewegungseinlagen, die das Gesprochen-Tönende mehr kommentieren als es selbst benötigen.

So sehr strapazieren Poppe und Beyer das Prinzip von Detail und Poesie, dass die letzte halbe Stunde ganz aus dem Leim geht. Die Zeilen zum Thema „Megablut“ werden unendlich gelängt; aus dem Werkzeugraum schallt dazu immer wieder ein Krach, in der man wohl die Selbstentäußerung des Subjekts in lebensbedrohlicher Lage erkennen mag, womöglich aber auch bloß Kinderei. Mehr Lyrik als Dramatik also in diesem Robinson-Stück; und Poppe setzt dazu auf Synthesizer, auf Schlaginstrumente wie Kuhglocken, Holzfeilen und Gemüsereiben, vor allem aber auf die Stimme. Die Herren heulen sanft, sie jodeln und raunzen und ziehen lange Vokale. Das Seeleute-Quartett, von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart hervorragend gespielt und gesungen, führt vor, was stimmlich überhaupt nur möglich ist, schon gar mit einem so sopranesk schillernden Countertenor wie Daniel Gloger.Christiane Tewinkel

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