Kultur : "Baise-moi": Scharf, schärfer, unscharf

Christiane Peitz

Eine Vergewaltigung. Brutal, wie sie im Kino nur sein kann. Die Frau schreit und wehrt sich, vergeblich. Die Männer geilen sich auf am Widerstand ihres Opfers. Eine Penetration in Nahaufnahme. Kein Fake, sondern ein echter Fick. Die andere Frau wehrt sich nicht. Die Männer verlieren die Lust und lassen von ihr ab. Später vergleicht sie ihre Vagina mit einem Auto, in dem man nichts Kostbares zurücklässt, weil es ja geknackt werden könnte.

Das ist sie nun also, jene umstrittene Szene in Virginie Despentes Verfilmung ihres Romans "Baise-moi" ("Fick mich"): umstritten nicht wegen ihrer Brutalität, sondern wegen der Nahaufnahme und wegen der Echtheit. Pornographie will den Betrachter lustvoll erregen. Diese Szene bewirkt das Gegenteil; die Lust auf Sex ist einem nach diesen Bildern für eine ganze Weile vergangen. Die Nähe entsteht nicht durch einen langsamen Zoom, sondern durch Schnitte. Sie ist montiert, also: Fiktion. Nur dass die Schauspielerinnen sich nicht haben doublen lassen. Es sind ihre eigenen Körper. Das war für Despentes und ihre Ko-Regisseurin Coralie Trinh Thi entscheidend, und deshalb haben sie für "Baise-moi" Porno-Darstellerinnen gecastet, in den Hauptrollen Karen Bach und Raffaëla Anderson.

Nadine (die stille Frau aus der Vergewaltigungs-Szene) trifft nach einem ersten Mord, den sie im Affekt begangen hat, die Hure Manu. Sie gehen auf Reisen und wollen bald nur noch das Eine: töten und ficken. Zwei Frauen, die mit ihren Knarren so phallisch posieren wie jeder Revolverheld, die keine Moral kennen, keine Skrupel und bald auch kein Motiv mehr. Man hat sie entwürdigt, aber das spielt keine Rolle. Sie rächen sich nicht, sie haben fun, dazu Heavy Metal und Drogen.

Gewalt macht Frauen schöner

Und dazwischen, immer wieder: Schwänze und Mösen. Aber die provokante Überschreitung der Grenze zwischen Porno und Film bleibt in "Baise-moi" die einzige Regelverletzung. Ansonsten hält er sich an das Mittelmaß filmischer Handlungsmuster, samt Initialszene (Vergewaltigung), blutigem Showdown und angeklebtem melodramatischem Ende. Es ist kaum möglich, den Film anders als derart mechanistisch zu beschreiben. Zumal die Musik jeden dramaturgischen Einwand übertönt, wenn der Plot in den Scharnieren knirscht. Dazu ein bisschen Dogma-Ästhetik (Video, natürliches Licht, Laiendarsteller) und eine dicke Portion feministischer Filmtheorie.

"Baise-moi", sagen die Filmemacherinnen, gibt den Frauen das Recht auf ihren eigenen Körper zurück und entreißt ihn dem begrenzten Blickfeld der Männer. Klingt gut. Ist aber nicht zu sehen. Denn das Blickfeld des Films bleibt innerhalb der gleichen Begrenzung. Anders als der Körper der vergewaltigten Frau, einer knochigen, hässlichen Schlampe, sind Nadine und Manu jung, makellos, sexy. Die Knochige taucht fortan im Film nicht mehr auf, während die Kamera die Bodies der Heldinnen genauso stilisiert und zurichtet, wie Männer es mögen. Merke: Opfer törnen ab, Täterinnen sind geil. Nur wer um sich schlägt oder schießt, taugt für die Schaulust. Die niederen Instinkte der Vergewaltiger gehorchten der gleichen Logik. Hinzu kommt, dass die Serienmorde von Nadine und Manu mehr schlecht als recht die Actionmuster von B-Pictures kopieren. Ein Möchtegern-Splatter: verbrauchte, billige Bilder, die durch den Anblick von "echtem" Sex nicht aufgefrischt werden.

Die Provokation zielt ins Leere. Sex and Crime: Aus diesem uralten Rezept hat "Baise-moi" kein neues Elixier destilliert. Nicht einmal die Konventionen der Schaulust selbst werden in Frage gestellt. Wer die Befreiung der Sexualität propagiert, kann sein Publikum nicht gleichzeitig in die Mechanik der Gewaltorgie zwängen. Erst ihre Gewalt macht die Heldinnen so richtig begehrenswert, macht sie zu Lustobjekten. Am Ende ist "Baise-moi" doch vor allem ein Stück Pornographie.

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