Kultur : Balanceakt zwischen Spontaneität und Kalkulation

ELFI KREIS

Auf keiner Einladungskarte, in keiner Presseerklärung findet sich ein Hinweis.Dennoch hat diese Ausstellung Lothar Böhmes ihren Anlaß: Der Berliner Maler feiert morgen seinen 60.Geburtstag.Es war der Wunsch des Künstlers, das Jubiläum nicht "an die große Glocke zu hängen".Aufsehen um die eigene Person ist nicht die Sache dieses individualistischen Einzelgängers, dem die Akademie der Künste 1992 den Käthe-Kollwitz-Preis und die Berlinische Galerie zwei Jahre später den Fred-Thieler-Preis verlieh.Skeptisch der ernste Blick, mit verschlossener Miene, so sieht sich der Künstler auf seinen beiden jüngsten Selbstbildnissen (1950 DM).Die Galerie Refugium zeigt überwiegend neue Arbeiten auf Papier oder Pappe (1800 DM bis 5800 DM).Drei frühere Werke ergänzen die Schau: ein "Halbakt" in Öl auf Leinwand (50 000 DM), ein "Stehender Akt" in Feder, Tusche und Latex (36 000 DM, beide 1996) und ein "Sitzender Akt" in Öl auf Papier von 1980 (10 500 DM).

In immer stärkerer Selbstbeschränkung auf die vereinzelte, meist weibliche Aktfigur arbeitet Böhme seit den 60er Jahren am Kanon seines eigenwilligen Kunstkosmos.Vor fünf Jahren entstanden erstmals isolierte, helmartig reduzierte Köpfe.Die zunächst als Studien gedachten Blätter entwickelten sich bald zu einer selbständigen Werkgruppe.In der Galerie Refugium ist sie mit einer kleinen Leinwand vertreten (4800 DM).

Eines Modells bedarf es zur Arbeit im Atelier nicht mehr.Böhme hat sein Figurenrepertoire längst verinnerlicht.Stehend, sitzend, kniend, mit angewinkeltem Arm oder als Halbakt wird die unbekleidete Figur für den Maler zum Archetypus: ein abstrakt reduziertes Menschenzeichen, das Allgemeingültigkeit beansprucht.Böhmes Figuren wirken auf sich selbst gestellt.Vielfach tauchen sie auf der Bildfläche als lichtumglänzte Erscheinungen auf - marionettenhafte Gestalten, von hermetischer Dunkelheit umhüllt wie von einer schützenden Raumkapsel.Weshalb aber wirken sie trotz entrückter Distanz so unmittelbar? Was verhindert, daß sie in Routine, vollendeter Perfektion zu erstarren drohen?

Böhmes monumentale Menschenfiguren erscheinen hinter ihrer Körperrüstung in sich selbst versunken, wie Synonyme einer gefährdeten Existenz.Dynamisch aber sind die energetischen, parallelen Linien, mit denen der Künstler seine expressiven Figuren rhythmisch umfaßt, sie aufbaut und modelliert, ihnen ein plastisches Volumen verleiht.Böhme ist ein Meister des subtilen Licht- und Schattenspiels in Schwarz und Weiß, erdhaften Brauntönen neben Violett- bis Venezianischrot.Ein Rot, dessen eisenoxidhaltige Rostfarbe an frisches oder getrocknetes Blut denken läßt.Dennoch ist für Böhme die Farbe frei von symbolischer Bedeutung.Er benutzt sie als Material.Aus dem Gegensatz vehementer Mal- und Zeichengesten und einer skulpturenhaften, fast architektonischen Körperlichkeit resultiert das besondere Spannungspotential seiner Bildkompositionen.Im Balanceakt zwischen Spontaneität und Kalkulation, die er immer wieder neu ausreizt, liegt das Geheimnis seiner Kunst.

Galerie Refugium, Auguststr.19, bis 22.August; Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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