Kultur : Baldrianflasche leer

NORBERT TEFELSKI

Als Objekt einer dubiosen Wette zwischen Gott und Luzifer wird der Messias erneut auf die Menschheit losgelassen.Diesmal heißt er Christian, gerät erst in eine Terroristengruppe, dann in die Fänge der Staatsgewalt und bekommt so Gelegenheit zum guten alten, neuen Märtyrertod.Diese moraltriefende Story vom "Dead End Paradise" wäre nur mit deutlich satirischer Aufbereitung zu retten gewesen.Und irgendwo im Hinterkopf haben das die Kammermusicalmacher Benjamin Pichlmaier und Wolf-Christian Ulrich vielleicht auch geahnt.Deshalb, vor allem jedoch, weil bereits nach den ersten, versuchsweisen Aufführungen im Frühjahr die wirr verschachtelte Inszenierung kritisiert wurde, erhebt sich Ulrich ab und zu vom Klavier, um erläuternde Kommentare abzugeben.Wenn er dabei eine Folie bekrakelt wie Jörg Kachelmann die Wetterkarte, transportiert er tatsächlich Spuren von Selbstironie.Den langen Rest der Zeit steht sich die Nachwuchsproduktion mit starrem Blick auf untaugliche Vorbilder selbst im Weg.Mittelprächtige bis brauchbare Stimmen webbern schale Choräle, abgenudeltes Leid- und Liebespathos, opernhaft exerzierte Banalitäten.Statt nicht vorhandene Mittel (aus Kostengründen wurde auch aufs avisierte 21köpfige Orchester verzichtet) bewußt, im Idealfall persiflierend zu nutzen, unterstreichen Halbkostüme, Notkulissen sowie unbeholfene Licht- und Toneffekte die trotzige Pseudo-Professionalität.Das unrunde mimische Dutzend, plus gesangsgemischtem Chor, agiert wie Baldrianflasche leer; selbst der eingespielte Stummfilm langweilt mit vertanen Chancen.Bei aller Nachsicht - nicht wenige Beispiele wären anzuführen, da auch Anfänger weitaus Pfiffigeres auf die Bretter brachten.

Schiller-Theater-Werkstatt, heute sowie am 30.und 31.Juli, jeweils 20 Uhr

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