Bands bei Lollapalooza : "Ihr seht toll aus!"

An- und Abreise waren beim ersten Lollapalooza-Tag in Berlin eine Zumutung. Starke Konzerte gab's von den Beatsteaks, Marteria und Michael Kiwanuka.

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Der Rapper Marteria war einer der Headliner des ersten Festivaltages.
Der Rapper Marteria war einer der Headliner des ersten Festivaltages.Foto: Gregor Fischer/dpa

Mit nacktem Oberkörper wälzt sich Marteria über die ausgestreckten Hände seiner Fans. Er will, dass die Party weitergeht, ruft etwas ins Mikro, doch sie haben ihm schon den Strom abgedreht. So ist das bei einem Festival, einem deutschen zumal: Der Zeitplan muss eingehalten werden, nebenan auf der ersten Hauptbühne spielt gleich der letzte Headliner, da muss der Berliner Rapper Ruhe geben.

Sein Auftritt beim dritten Lollapalooza-Festival ist ein Höhepunkt des ersten Tages, der für viele der mehr als 80000 Besucherinnen und Besucher mit einer chaotischen Anreise zum Gelände der Rennbahn Hoppegarten begonnen hatte. Doch als Marten Laciny alias Marteria bei Sonnenuntergang auf der Main Stage mit dem Titelsong seines aktuellen Albums "Roswell" loslegt, ist das alles vergessen. Bis weit hinten auf dem plattgetretenen Rasen wird getanzt und gelacht.

"Die ganze Zeit Gänsehaut"

Marteria trägt kurze weiße Hosen, wechselt ein paar mal die Oberteile - schließlich war er früher Model. Revolutionskitschig wie ein Che Guevara-Shirt ist allerdings das Ende von "Bengalische Tiger", bei dem er einen Bengalo zündet und "Viva la revolucion, Lollapalooza!" ruft. Ihn selbst bewegt das offenbar: "Ich hab die ganze Zeit Gänsehaut", sagt Marteria noch dem Lied.

In seiner rund 80-minütigen Show reiht er Hits und Promi-Gastauftritte aneinander wie ein Kartenspieler, der seine Asse auf den Tisch knallt. Der Berliner Rap-Kollege Casper kommt für "Alles verboten" auf die Bühne, Miss Platnum singt bei "Rosa Wolken" mit und Marterias Kiffer-Alter-Ego Marsimoto darf für drei Stücke seine Heliumstimme erheben.

Die Beatsteaks hauen sich rein

Als erster Promi-Gast ist Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks dabei, mit dem er den "Aliens"-Refrain singt: "Über uns kreist das Militär
Ihre Scheinwerfer machen uns zu Stars/Ja, die lange Reise war's wert/Wir sind gottverwandte Aliens". Der Frontmann war von der anderen Hauptbühne herübergekommen, wo das Berliner Quintett gerade seinen eigenen Auftritt beendet hatte.

Der startete mit den ersten drei Songs von ihrem gerade erschienen Doppelalbum "Yours", wobei zu "40 Degrees" netterweise mal kurz die Sonne durch die dichte Wolkendecke kommt. Die Stimmung bleibt noch ein wenig verhalten auf dem voll besetzten Feld. Dabei feuert der Sänger, der sein Anglerhütchen heute zum schwarz-weißen Trainingsanzug mit einem "Yours"-Schriftzug auf dem Hintern trägt, die Menge immer wieder frenetisch an, macht Komplimente ("Ihr seht toll aus!") und fordert dazu auf, die Handys in den Taschen zu lassen. Den Moment genießen, sei angesagt. Er tut es auf jeden Fall, denn es ist der letzte Festivalauftritt der Band für diesen Sommer.

Als er bei "Cheap Comments" runter zum Publikum kommt und das "Schalala" mitgesungen wird, sind endlich alle dabei. Ein bisschen Discoflair gibt es dann bei "Gentleman Of The Year", schön zackig mit drei Gitarren reingehauen "Jane Became Insane" und eine feine Freddy Mercury-Hommage mit dem Queen-Song "I Want To Break Free".

Freiluft-Rave an der Nebenbühne

Eine völlig andere Party steigt derweil auf der etwas abseits gelegenen Perry’s Stage, benannt nach dem Lollapalooza- Gründer und Sänger Perry Farrell. Hier gibt es keine Fressbuden, nur Getränkestände, die Bühne ist kleiner, die Atmosphäre intimer und ausgelassener. Das Amsterdamer DJ-Duo Yellow Claw lässt fette Beats und Bässe über die Menge rollen. Die Kids mit der Glitzerschminke im Gesicht und den Cocktailbechern in der Hand tanzen zu dem knalligen Electro-Techno-Dubstep-Mix und verwandeln diesen Teil des Festivals in einen Freiluft-Rave. Am liebsten würde man hier einfach weiterfeiern, weitab von langen Schlangen vor den Gastroständen und Toiletten, dem überall herumstehenden Werbeplunder, den Jahrmarkt- und Kunstrummel..

Michael Kiwanuka gab beim Lollapalooza Festival ein berührendes Konzert.
Michael Kiwanuka gab beim Lollapalooza Festival ein berührendes Konzert.Foto: Britta Pedersen/dpa

Doch dann würde man den berührenden Auftritt von Michael Kiwanuka verpassen, der gerade am entgegengesetzten Ende des Geländes stattfindet. Der Londoner Musiker spielt mit seiner fünfköpfigen Band ein schönes Set, bei dem bluesige, psychedelische und soulige Elemente elegant ineinander fließen. Leider wehen immer wieder die Klänge von der zweiten Hauptbühne herüber und stören damit die Intimität der Performance.

Frauen sind stark unterrepräsentiert auf den Bühnen

Nach etwa einer halben Stunde schließt der 30-jährige Kiwanuka die Augen, klatscht in die Hände und singt zunächst nur von einer schnell geschlagenen E-Gitarre begleitet die erste Strophe von „Black Man In A White World“ – ein geradezu programmatischer Song für dieses Festival, das fast ausschließlich weiße Musikerinnen und Musiker präsentiert.

Auch das Männerübergewicht ist wie schon im vergangenen Jahr erdrückend. Am ersten Tag sind die vier Bühnen nach 15 Uhr - abgesehen von Backgroundsängerinnen - frauenfrei. Dass es auch anders geht zeigt etwa das Line-up des diesjährigen Roskilde-Festivals das deutlich diverser war und mit Solange und Lorde auch zwei große weibliche Stars aufbot.

Stadion-Folk mit Mumford & Sons

Als letzter Headliner des ersten Tages steht selbstredend auch ein Herrenquartett an: die britische Band Mumford & Sons, deren Sound der Popkritiker Thomas Groß einmal sehr treffend als Stadion-Folk bezeichnet hat. Diesen demonstriert die Gruppe gleich beim zweiten Stück in großer Vollendung. Bei ihrem Hit "Little Lion Man" - vorgetragen mit Banjo, Akustikgitarre, Kontrabass und Schlagzeug - lassen sie das Publikum den kompletten ersten Refrain singen. Den zweiten übernehmen sie mit großer Bandpower selbst und den letzten singen sie ohne Instrumente. So macht man das.

Chaos S-Bahnhof Hoppegarten

Dass sie auch richtig muskulös rocken können haben die Mannen um Sänger Marcus Mumford spätestens mit ihrem 2015 erschienen Album „Wilder Mind“ bewiesen, von dem sie in Hoppegarten einige Stücke spielen, unter anderem das an die Killers erinnernde „The Wolf“.
Dramaturgisch geschickt wechseln sie immer wieder zwischen diesen stadiontauglichen Momenten und ruhigeren, akustischen Stücken. Als die Band gegen halb elf von der Bühne geht, haben sich viele Fans schon auf den Weg gemacht. Auf den großen Bildschirmen hatten die Festivalmacher gemahnt, man solle „die Abreise rechtzeitig planen“.

Wer bis zum Schluss bleibt, gerät anschließend in ein Massengeschiebe am S-Bahnhof Hoppegarten, wo irgendwann gar nichts mehr geht. Polizei und Rettungskräfte sind im Einsatz.

Man kann nur hoffen, dass es heute besser läuft und zumindest der Shuttle-Service ab Elsterwerdaer Platz funktioniert. Wer sportlich ist, sollte vielleicht über eine Anreise per Fahrrad nachdenken. Immerhin soll es ja trocken bleiben. Am Abend spielen AnnenMayKantereit, Cro, die Foo Fighters und The XX.

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