• Bau-Museum Berlin: Kunst aus Eisen: Die frühe Moderne, ihre Architekten und ihre Ingenieure

Kultur : Bau-Museum Berlin: Kunst aus Eisen: Die frühe Moderne, ihre Architekten und ihre Ingenieure

Nikolaus Bernau

Er wurde ein architektonisches Markenzeichen, der mehrfach geknickte Giebel der AEG-Turbinenhalle an der Huttenstraße. Peter Behrens entwarf ihn 1909. In keinem Lexikon moderner Architektur fehlt das Foto "der Turbinenhalle" - schon begrifflich ist sie eine Ikone. Vor Ort verstellen inzwischen Bäume den Blick auf die gewaltigen Eckpylone und das große, leicht vorgerückte Mittelfenster. Auch erscheint der weit überragende Giebel demjenigen, der den Potsdamer Platz gewohnt ist, eher zierlich, keineswegs so gewaltig wie einst den Zeitgenossen. Gut zu sehen ist dafür die Seitenfassade mit den revolutionär-offen gezeigten Stahlträgern, die auf elegant zusammengezogenen Auflagerpunkten ruhen, und den zwischen die Pfeiler gespannten, leicht nach innen gekippten Fensterwänden.

Der AEG-Giebel war ein Signal: Industrie und Kunst sollten sich vermählen, und die Stahlkonstruktion der Halle sollte zum Tempel werden, ohne antike oder gotische Formen zu kopieren, wie es üblich war. Der Bau war Teil des unerhört avancierten Marketing-Programms von Emil Rathenau und seinem Kollegen Paul Jordan. Die Mitgründer der AEG setzten als erste nicht nur auf die technische Perfektion der Produkte, sondern auch auf eine aus dieser Perfektion entwickelten Gestaltung. "Design" und "Corporate Identity", diese Begriffe haben erst eine Berechtigung seit der Berufung von Peter Behrens zum "künstlerischen Beirat" der AEG. Vom Briefpapier über den Wasserkessel bis hin zur Großarchitektur prägte er das Erscheinungsbild des Elektrokonzerns. Der gebrochene Giebel als Ausdruck dieser neuen Strategie wurde das Markenzeichen der AEG-Bauten in Moabit, Oberschöneweide und Wedding. Dort entstand 1912 die Großmaschinenhalle an der Hussitenstraße. Sie ist in der Reduzierung der künstlerischen Mittel noch radikaler als die Turbinenhalle, die ja noch versucht, der Industrie mit Pylonen und Proportionen den Ruhm der Antike zu verleihen. Die Großmaschinenhalle hingegen ist ganz aus der Industrie selbst entwickelte, neue Form.

Ihr Ingenieur ist unbekannt. Bekannt ist hingegen der Ingenieur der Turbinenhalle: Karl Bernhard, einer der bedeutendsten seiner Zunft. Bis heute streiten die Konstruktionshistoriker mit den Kunsthistorikern, ob er oder Behrens nun der eigentliche Architekt des Gebäudes gewesen sei. In der Ausstellung "Architektur der Stadt" im Neuen Museum etwa wird sogar die von Bernhard unterschriebene Bauantragszeichung auf dem Etikett Behrens zugeschrieben. Ingenieure haben es schwer, in die Kunstgeschichtsschreibung einzugehen; obgleich ohne sie die Entwicklung des modernen Stahlbaus und der Betonbaukunst nicht möglich gewesen wäre. Dabei war die Vereinigung von Architektur und Konstruktionskunst eine Standard-Forderung der Architektur des 20. Jahrhunderts. Dennoch wurden die gestaltenden Konstrukteure nur selten bekannt, um so mehr dafür die Architekten, die sich der Konstruktion bedienten.

In Berlin machten die Architekten Alfred Genander und Bruno Möhring die Brückenbauten der Stadt zu Kunstwerken, deren Eleganz von heutigen BVG- und S-Bahnbauern kaum noch erreicht wird. Man vergleiche die 1998 von Ingenieuren entworfenen Hochbahn-Neubauten der BVG in Kreuzberg mit der Hochbahn Grenanders von 1911 in Prenzlauer Berg. Auf der einen Seite langweilige Konstruktionen, stabil wie aus dem Legokasten, auf der anderen geschwungene Stützen, zart nach innen geneigt: bis in die Form der Sicherungsgeländer aus der Technik entwickelte Kunst. Ähnlich dynamisch ist die prächtige Swinemünder Brücke in Wedding, bis 1905 von Möhring und dem Ingenieur Friedrich Krause gebaut. Zwar wurden die jugenstilig dekorierten Pfeiler nach dem Krieg entfernt - doch der Schwung der genieteten Träger, Verstrebungen und Zugbänder macht den Gang über den S-Bahngraben bis heute zum Anschauungsunterricht über die Möglichkeiten des Baumaterials Stahl.

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