Kultur : Bayern München: Meisterhaft

Helmut Schümann

Wo sitzt es nur, dieses verfluchte Siegergen, das die Bayern triumphieren läßt? In der Hefe des Weißbieres ist es sicher nicht und auch nicht in den berühmten letzten zwei Minuten von Barcelona, in denen die Münchner Fußballer 1999 den schon sicher geglaubten Sieg des Europapokals gegen Manchester verloren - wer so etwas erlebt, ist sozusagen wie Siegfried durch Drachenblut gewatet und fürderhin gefeit für die Gefahren des letzten Augenblicks.

Der FC Bayern München hatte den Dusel des Wochenendes schon lange vor der vermeintlich traumatisierenden Nacht von Katalanien. Im Grunde genommen begleitet ihn das Glück seit seinem Aufstieg Mitte der sechziger Jahre. Und weil es nie zu enden scheint, ist es eben kein Glück, sondern Mentalität: die Kraft, die aus der Stärke kommt. Die ist erarbeitet.

Vor den sechziger Jahren war der FC Bayern, gegründet 1900 von dem aus Berlin stammenden Franz John, ein beliebiger Fußballverein im Süden, mit einigen Höhen und zahlreichen Tiefen und einer Meisterschaft 1932. Dann machte sich Mitte der sechziger Jahre der Freistaat Bayern auf, der Republik nicht mehr nur als Agrarstandort und Produzent folkloristischer Schrullen zu dienen - Bayern erwachte, wohl auch, weil sich sein gewichtiger Metzgersohn Franz-Josef Strauß höchst erfolgreich und selbstbewusst in die rheinisch geprägte Politik des Landes einmischte.

Den Blick fest aufs Ergebnis

Die CSU verließ das Land der Berge, der FC Bayern ging mit. Bayern wandelte sich vom armen Bauern-Staat zum Touristik-Unternehmen, der FC Bayern modernisierte und engagierte als erster deutscher Klub einen Manager, Robert Schwan. Der Freistaat Bayern war das Bollwerk gegen den Sozialismus, gegen die bösen APO-Lümmel und schaltete deren im Fernsehen tätigen Brüdern im Geiste den Strom ab, der FC Bayern war das Bollwerk gegen die Fußball-Visionäre des Mönchengladbacher Trainers Hennes Weisweiler und spielte wertkonservativ aufs Ergebnis ausgerichtet.

Und dann eroberte der FC Bayern München Mitte der siebziger Jahre mit seinen nicht einfach nur zugeflogenen, sondern entdeckten und geförderten Superstars Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier oder Uli Hoeneß Europa. Strauß saß derweil im Flugzeug und machte Weltpolitik. Seither verkörpert der Fußballverein Bajuwariens neuen Geist. (Für das alte Bayern, für das spielt 1860 München Fußball).

Der neue Geist - eine Art Konservativismus mit menschlichem Antlitz. Wirtschaftlich extrem erfolgreich, dabei durchaus beliebt und mit positivem Image ausgestattet und seit den Olympischen Spielen 1972 in der bayerischen Hauptstadt, diesem Dementi der düsteren Nazispiele von 1936, auch Symbol des heiteren, weltoffenen, spielerischen Deutschlands.

Der FC ist Bayern

Nun ist der FC Bayern München nicht unbedingt beliebt, weil der Sport Abwechslung liebt und Dauersieger nicht mag und deren Selbstbewusstsein als Arroganz interpretiert - der Boxer Muhammad Ali zum Beispiel hat das, als er noch Cassius Clay hieß, erfahren -, aber weltoffen ist er, in Ansätzen spielerisch, oberhalb der emotionalen Ebene des Sportplatzes auch ausgestattet mit positivem Image und natürlich extrem erfolgreich.

Der FC Bayern München ist Bayern, und welcher Fußballer auch zu ihm kommt, der sieht diesen funktionierenden Standort Bayern in den elektrischen Wärmern für die Fußballschuhe in der Kabine, im ledergepolsterten Mannschaftsbus, im eigenen Flugzeug, in der Tradition, die sich in den Trophäen in den Glasvitrinen niedergeschlagen hat und in der dreigeschossigen Klubverwaltung. Ob ein Spieler aus den Favelas von Rio de Janeiro kommt, aus Hamburgs Vorort Lurup oder aus einem baskischen Dorf, Kraft und Macht und Bedeutung des Standortes Bayern atmet er von Vertragsunterzeichnung an ein.

Er muss kein bayerisch sprechen, muß nichts wissen von der Historie, er muß sich nur umschauen auf dem Vereinsgelände und wird den versammelten Stolz sehen und verinnerlichen. Kurz darauf wird er die Bedeutung des bayerischen Idioms für die Kraft, die aus der Stärke kommt, begriffen haben: "Mir san mir, stärker wia die Stier!" Er wird dann auch schnell verstehen, was er in seinen Favelas nicht wusste, dass nämlich der FC Bayern München sich mit Selbstbewusstsein eine schier unumstößliche Machtpostition im deutschen Fußball erarbeitet hat. Eine Position, die in Wechselwirkung wieder das Selbstbewusstsein fördert.

Die breite Brust Bayerns, der FC Bayern bringt sie auf den Rasen. Und er hat die Weiterentwicklung vollzogen. Wie Bayern selbst. Der Freistaat ist Heimat der Hochtechnologie, München Platz immer noch höchst erfolgreicher Dot-Com-Unternehmen. Und der FC Bayern? Der hat gerade einen Deal mit dem Sportartikelhersteller adidas abgeschlossen, der ihm weitere 150 Millionen Mark einbringt, und bereitet den Gang an die Börse vor. Dort wird ein Geldstrom, breiter als drei Milliarden Mark erwartet. Der FC Bayern München hat mithin auch den Sprung in die New Economy geschafft. Dass er dies im europäischen Vergleich mit dem FC Barcelona, Real Madrid, Manchester United oder den italienischen Klubs als wirtschaftlicher Underdog, als FC Freiburg der Champions Legue, geschafft hat und am Mittwoch nach dem Finale gegen den FC Valencia womöglich auch noch mit einem Pokal belobigt wird, macht zusätzlich stolz, stärkt das Selbstbewusstsein, lässt die Körpersprache erschallen und den Gegner sich ängstigen. Und am Ende sperrt diese stolz geschwellte Brust in der Mauer des Hamburger SV eine Lücke frei, und der Spieler Andersson läuft im ganzen Bewusstsein, Teil dieses Stolzes zu sein, an, schießt den Ball mit seinem ganzen Können exakt hinein in diese Lücke, auch ins Tor und macht den FC Bayern München zum Meister.

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