Bayreuther Festspiele : Fantasy-Götter in der Welt von heute

Opern-Neuling und Regisseur Dorst lässt in der "Rheingold"-Premiere verschiedene Zeitebenen aufeinander treffen. Das Publikum dankt es ihm mit jubelndem Applaus.

Bayreuth - Das monatelange Spekulieren nimmt Stück für Stück ein Ende: Am Mittwoch hatte der neue "Ring des Nibelungen" in der Inszenierung des Dramatikers Tankred Dorst mit dem "Rheingold" seine Premiere. Der erste Teil von Richard Wagners Tetralogie wurde vom Bayreuther Festspielpublikum begeistert gefeiert. Nachdem die letzten Töne aus dem Orchestergraben verklungen waren, brandete heftiger Jubel auf, kein einziges Buh war auszumachen. Und Dirigent Christian Thielemann durfte geradezu in Ovationen baden. Das Regieteam zeigte sich dagegen noch nicht und wartet vermutlich die "Götterdämmerung" am Montag ab.

Wie der 80-jährige Opern-Neuling Dorst bereits angekündigt hatte, findet das Ringen um den Machtstoff Gold in einer heutigen Welt (Bühne: Frank Peter Schlössmann) statt. Zunächst im imposanten Meer aus Gesteinsbrocken in den Tiefen des Rheins, über dem schwimmende Menschen eingeblendet werden. Die Götter haben es sich an einer heruntergekommenen Uferplattform bequem gemacht. Und Alberichs Nibelheim öffnet sich in der sterilen Atmosphäre einer Energieversorgungsanlage. Um das Heute endgültig manifest zu machen, tauchen zwischendurch zeitgenössische Passanten auf. Doch die nehmen vom Geschehen keinerlei Notiz, gehen ihrem Job nach, wie etwa ein Techniker, der Messungen vornimmt, während Wotan versucht, Alberich ans Gold zu gehen. Dorst führt damit die Bedeutungslosigkeit der alten Götter für die Menschen vor Augen.

Sängerfreundliche Aufführung mit Fantasy-Kreationen

Wagners eigentliches Bühnenpersonal wirkt wie eine Gruppe von Außerirdischen und trägt Fantasy-Kreationen (Kostüme: Bernd Skodzig), die keiner konkreten Zeit zuzuordnen sind. Die Götter sieht man in hellen, plastisch ausgeformten Kostümen mit allerlei Accessoires - in gewisser Weise erinnern sie an Mumien -, Alberich und sein Bruder Mime stecken im grünen Kröten-Panzer-Anzug, die Riesen sind mächtig ausgepolstert und überragen das Restpersonal um einige Zentimeter. Allein Feuergott Loge, der findige Vermittler, könnte im Lack-Trench als Zeitgenosse durchgehen. Wenn die Götter nach Walhall ziehen, bleibt er allein zurück - im Heute -, während drei Kinder am Rande der Szenerie um ein Goldstück streiten und die tödliche Auseinandersetzung der Riesen Fafner und Fasolt nachspielen.

Passend zum Vorabend des Bühnenfestspiels hielt Thielemann sein Orchester zurück, betonte die lyrischen Passagen des "Rheingolds" und verwehrte selbst in Nibelheim und beim Einzug der Götter in Walhall ein allzu mächtiges Forte. Damit war diese Aufführung durchaus sängerfreundlich: Als Obergott Wotan war Falk Struckmann mit markigem Bass zu hören, Michelle Breedt sang seine Gattin Fricka. Andrew Shore und Gerhard Siegel standen als Alberich und Mime auf der Bühne. Die Rolle des Vermittlers Loge übernahm Arnold Bezuyen, die Riesen Fasolt und Fafner sangen Publikumsliebling Kwangchul Youn und Jyrki Korhonen. Ralf Lukas und Clemens Bieber hörte man als Götter-Duo Donner und Froh, Satu Vihavainen als Freia und Mihoko Fujimura in der Rolle der Erda.

Weiter geht es im "Ring"-Zyklus mit der "Walküre" am Donnerstag, am Samstag kommt "Siegfried" auf die Bühne des Festspielhauses. Die "Götterdämmerung" bildet dann am Montag den Abschluss.

Kritik an der Regie von Sänger Marco-Buhrmester

Der Sänger Alexander Marco-Buhrmester hat Regisseur Tankred Dorst wegen seiner Inszenierung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen kritisiert. "Dorst und seine Frau Ursula Ehler sind eher Ideengeber für das Gesamtkonzept. Die Regieassistentin Nicola Panzer macht dann die Stellarbeit", sagte der Bariton, der in der "Götterdämmerung" als Gunther zu hören sein wird, dem "Nordbayerischen Kurier".

Dorst inszeniere eigentlich Bilder und die Sänger stünden manchmal im Leeren, sagte Marco-Buhrmester. Um die Feinarbeit kümmere sich niemand, dazu sei auch keine Zeit. "Unsere Chance ist, zusammen mit Dirigent Christian Thielemann ein überzeugendes musikalisches Konzept zu bieten, so dass die Schwächen dieser Inszenierung ausgeglichen werden können", sagte Marco-Buhrmester. Er hoffe auf die "Werkstatt Bayreuth", also auf das Weiterentwickeln von Dorsts Inszenierung.

Marco-Buhrmester, der neben dem Gunther noch den Amfortas im "Parsifal" singt, kritisierte auch Regisseur Christoph Schlingensief. Er sei ein "sehr introvertierter, fast autistischer" Künstler. Schlingensiefs Ideen seien eher eruptiv als intellektuell deklariert. Sie passierten ihm einfach, er sei aber nicht in der Lage, sie zu erklären. (tso/ddp)

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