Kultur : Bayreuther Gemüse

Ein

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von Christine LemkeMatwey

Wahrscheinlich ist Christoph Schlingensief mal wieder an allem schuld. Sein „Parsifal“ bei den letzten Bayreuther Festspielen, dieser fünfstündige Multikulti-Woodoo-Hokuspokus mit toten Hasen und anderem Gezücht, er hat den Grünen Hügel ganz einfach verhext. Superehrgeizige Tenöre geben plötzlich Rollen zurück, um die sie sich ihr halbes Leben gebalgt haben – und schon hilft es gar nichts mehr, dass sie mit den mutmaßlichen Festspielleiterinnen der Zukunft liiert sind; nämliche Festspielleiterinnen in spe wiederum inszenieren sich in der Provinz blutige Nasen, schließlich gilt es für das eigene Bayreuth-Regie- Debüt zu üben und zu üben und zu üben; und als Regisseure zukünftiger „Ring“-Inszenierungen werden nur mehr deutsche Dichter und Denker bestellt, die auch demographisch ins Konzept passen.

Am augenfälligsten aber tritt uns das Ausmaß der Hexerei in zwei schmallippigen Sätzen entgegen, tintenstrahlgedruckt auf der Bayreuther Kartenbestätigung für 2005, ganz klein, ganz verschämt, ganz unten. „Wir möchten Sie darauf hinweisen“, steht da, „daß der Presseempfang am Vormittag nach der Eröffnungspremiere entfällt. Damit kommen wir langjährigen Bitten und Empfehlungen sowohl unserer Mitwirkenden als auch zahlreicher Jounalistenkollegen nach.“ Wie bitte?? Was haben wir diesen Termin verflucht! Jahrzehntelang! Nach wahlweise durchzechter, durchwachter oder durchweinter Eröffnungspremierennacht mitten im Schreiben auf den Hügel rennen zu müssen, war die Hölle. Und damit soll jetzt Schluss sein? Andererseits ist der plötzlich ausgebrochenen Menschenfreundlichkeit seitens der Festspielleitung nicht zu trauen. Wahrscheinlich will oder darf Wolfgang Wagner, der „Alte“, mit seinen fast 86 schlicht nicht mehr, und Gudrun, seine Gattin, darf oder will auch nicht. Oder beide zusammen wollen uns ganz einfach unser letztes, einziges, schönstes Vergnügen rauben.

Denn: Die Bayreuther Festspiele ohne Pressekonferenz, das ist wie Nordbayern ohne Bratwürste, wie Wagner ohne Wotan, wie Schlingensief ganz ohne Kunst und ohne Gemüse! Kein fränkisch-frotzelnder Festspielchef mehr, keine hünenhaften Bass- Baritone, die bibbernden Kritikern vom Podium herunter handfeste Prügel androhen, keine Hausverbote, keine Skandale, kein Spaß. Nur hehre Kunst. Schlingensief, hilf!

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