Bebelplatz : "Lasst diesen Ort in Ruhe"

Der Bebelplatz, auf dem am 10. Mai 1933 20.000 Bücher verbrannt wurden, ist begehrt - auch die "Fashion Week" möchte hier stattfinden. Nun tagte der Petitionsausschuss zum Bebelplatz-Mahnmal.

Annabelle Seubert

„Dieses Kunstwerk geht in die Tiefe, nicht in die Höhe.“ Treffend umreißt Stefanie Endlich die Debatte zum Umgang mit Micha Ullmans Denkmal auf dem Bebelplatz. „Würde es in die Höhe gehen, säßen wir alle nicht hier“, gibt die Kunstprofessorin während der ersten öffentlichen Sitzung eines Petitionsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus zu bedenken. Anlass der Anhörung sind rund 500 Zuschriften zur „Mercedes Fashion Week“, die Ende Januar zum dritten Mal auf dem Bebelplatz stattfindet: Die Bürger kritisieren das Festzelt, das die untergründigen, leeren Bibliotheksregale verdeckt. Schließlich kann diese Skulptur nur durch eine im Boden eingelassene Glasplatte betrachtet werden. Die Kritiker bemängeln außerdem die Ortswahl selbst: Der Bebelplatz, auf dem am 10. Mai 1933 20 000 Bücher verbrannt wurden, sei Teil des Mahnmals und Ort der Erinnerung. „Die Leere ist für Ullmans Kunstwerk zentral“, meint Endlich. „Als Sinnbild für Verlust. Dazu gehört aber auch die Leere des Platzes.“

Diese Meinung teilen fast alle Mitglieder des Petitionsausschusses. Ihr Vorsitzender Ralf Hillenberg vertritt sie radikal: „Meinetwegen kann die Modewoche zehn Mal im Jahr stattfinden, nur nicht an diesem Platz.“ Hans G. Hannesen, Sekretär der Akademie der Künste, erwähnt einen Besuch Salman Rushdies, spricht von der „längst eigenen gegenwartsbezogenen Kraft des Mahnmals“. Hans Coppi, Landesvorsitzender des Bunds für Antifaschisten, warnt vor einer „schleichenden Privatisierung von historischen Orten und Gebäuden“. Das Publikum meldet sich lebhaft. Darunter auch Ex-Kultursenator Thomas Flierl. Er empfand bereits die erste „Mercedes Fashion Week“ am Brandenburger Tor als „Tabubruch ersten Ranges“.

Vielfach wird diskutiert, wie wirtschaftspolitische Aspekte kulturelle erdrücken. Wie wenig eine Kulturstätte gilt, wenn Tourismus gefördert und Arbeitsplätze geschaffen werden. Nur Ephraim Gothe vom Bezirksamt Mitte und Rainer Klemke, der Kulturstaatssekretärs André Schmitz vertritt, rechtfertigen den Beschluss, so gut sie können: 130 000 jährliche Besucher der Modenschau, ausgebuchte Fünfsternehotels – und eine enorme Medienpräsenz. Beim Fest der Freiheit am Pariser Platz habe das ja auch ganz gut funktioniert. Die Hauptstadt sei dadurch im Ausland attraktiver geworden: „500 Millionen Medienkontakte weltweit.“ Hier, so Rainer Klemke, hätten die Fernsehzuschauer gedacht: „Aha, Berlin ist ’ne tolle Stadt.“ In der Sitzung wird gelacht.

Das Angebot, die „Mercedes Fashion Week“ künftig in und an der Temporären Kunsthalle abzuhalten, sehen die Senatsvertreter nur als mögliche Übergangslösung. So schwer ist die Suche nach einen geeigneten Standpunkt offenbar doch nicht. Obwohl Klemke zuvor behauptet hatte: „Berlin ist ein Ort mit Geschichte. Aber es hat sehr wenig Plätze.“

Unabänderlich scheint: Die „Mercedes Fashion Week“ soll sich 2010 – und bis auf weiteres – auf dem Bebelplatz ausbreiten. Fest steht: Eine Zuhörerin im Saal lädt alle Anwesenden ein, die Veranstaltung mit Protest zu besuchen. Viele Bürger stehen hinter Micha Ullman, der schriftlich forderte: „Lasst diesen Ort in Ruhe.“ Der Vorsitzende Hillenberg sagt: „Das war ein Schneeball, daraus wird eine Lawine.“ Annabelle Seubert

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