Kultur : Beklau nicht kleine Leute!

Steffen Richter

Es war nicht selbstverständlich, dass Peter-Paul Zahl am Mittwoch Abend vor einem Plakat Platz nahm, auf dem "Krimi statt Kommune" stand. Die Berliner Heinrich-Böll-Stiftung und der Deutsche Taschenbuch Verlag hatten sich diesen Titel ausgedacht. Deutlich schwang das Plädoyer für Ästhetik statt Moral, für Kunst statt Politik mit. Einem wie Zahl dürfte das missfallen. Schließlich erklärt er beharrlich, er sei aus seiner alten Heimat Deutschland ausgestiegen, um in der neuen, Jamaika, einzusteigen. Zahl reist gerade mit seinem neuen Roman "Der Domraub" (339 Seiten, 15 Euro) durch die Bundesrepublik. Immerhin, so kokettierte er jüngst im "ZDF-Mittagsmagazin", hatte er ein wasserdichtes Alibi, als zwei junge Männer im November 1975 das Kunststück fertiggebrachten, in den Kölner Dom einzusteigen. Zahl saß im Gefängnis, während Monstranzen, Kreuze und Bischofsringe im Wert von einigen Millionen Mark aus der Schatzkammer verschwanden. Nun hat er aus diesem Stoff einen Roman gemacht.

Dass der heute 58-jährige Autor Peter-Paul Zahl zunächst ein "Fall" war, ist bekannt. In der heißen Phase der APO hatte der gelernte Drucker politisch suspektes Schriftgut vervielfältigt. Als die Baader-Meinhof-Fahndung auf Hochtouren lief, kam es 1972 während einer Personenkontrolle zu einem Schusswechsel. Ein Polizist und Zahl wurden verletzt. Seine Verurteilung zu vier, dann fünfzehn Jahren Haft nennt Zahl ein "Gesinnungsurteil". Nach der Haftentlassung 1982 folgte eine Odyssee über Grenada und Nicaragua, bis er auf Jamaika offenbar sein Eldorado fand. Seitdem bestückt er den Buchmarkt mit exotischen Insel-Krimis.

Schon in den 60er Jahren hatte Zahl Prosa veröffentlicht. Im Knast schrieb er weiter. "Die Glücklichen" von 1979 wurde ein Kultbuch, das den "Schelmenroman" im Untertitel trug. Dort knüpft er nun an. Zahl hat die Geschichte vom Kölner Domraub aufgeschrieben, wie ein zu Unrecht als Haupttäter verurteilter Mitinsasse sie ihm in der Tegeler Vollzugsanstalt erzählte. Um die "literarische Wiedergutmachung einer Justizsünde" sei es ihm gegangen. Sein Protagonist Vladimir Heiter stammt aus Titos jugoslawischem Vielvölkerstaat. Weil ihm nach Kriegsende das glorreiche Partisanenleben nicht mehr offen steht, schlägt er die Laufbahn eines kleinen Diebes ein.

Wie jeder Schelmenroman, der etwas auf seine Vorbilder hält, beginnt auch Zahls Geschichte mit einer Desillusionierung. Die Heroen der Befreiung sind mittlerweile Schergen der kommunistisch gewendeten Herrschaft geworden. Die steckt Heiter wegen Betrügereien mit Lebensmittelkarten ins "Selbstverwaltungs-KZ" Goli Otok. Wo Häftlinge ihre Mitgefangenen foltern, bleibt nicht viel übrig vom Glauben an das Gute im Menschen. Später etabliert sich Heiter in der Bundesrepublik als Kunstdieb und Hehler auf mittlerem Niveau. Mit dem Domraub kommt er erst in Berührung, als Landsleute ihn darum bitten, das Diebesgut zu "verticken". Weil Polizei und Staatsanwaltschaft die Täter nicht zu fassen bekommen, wird Heiter zum Sündenbock erkoren. Um die Beweislage kümmert sich das Urteil kaum.

Tatsächlich versammelt Zahls Roman alles, was das pikareske Genre braucht: von einer pfiffigen, erfrischenden Weltsicht "von unten" bis zur kruden Sinnenlust. Wie seine Brüder im Geiste Guzmán de Alfarache, Simplicissimus oder Felix Krull schert er sich einen Teufel um die offizielle Moral. Er hält ihr seine eigene entgegen: Nimm, was an den

Wänden der Vermögenden herumhängt und verteile es zu deinem Nutzen um. Aber beklaue keine kleinen Leute! Selbst rüde Attacken gegen bürgerliches Recht und Gesetz sowie unökonomisch ausuferndes Erzählen werden weitgehend von der Genretradition gedeckt. Aber nur ästhetisch wollte Zahl nie wahrgenommen werden.

Schon als er 1980 für "Die Glücklichen" den Bremer Literaturpreis erhielt, monierte er, dass die ästhetische Kritik die politische Auseinandersetzung überlagerte. Auch jetzt versucht er, seine politischen Botschaften in brachialer Weise unters Lesevolk zu bringen. In ungebremster Fabulierwut ist vom "Bundesgenickschußhof", dem "Morddeutschen Buntfunk" oder der "Dämonokratie" die Rede. Natürlich ist das herrschende Recht immer das Recht der Herrschenden, und klar ist auch, dass Zahl die alten Sprüche nicht vergessen hat. Es mag an seinem Standortnachteil liegen, dass er glaubt, der bundesdeutschen Wirklichkeit mit dem Vokabular der 70er Jahre auf den Pelz rücken zu können.

Während der Podiumsdiskussion in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung kam Zahl gar nicht in die Verlegenheit, die Politik gegen die Ästhetik verteidigen zu müssen. Thomas Wörtche, Andrea Fischer und György Dalos debattierten lieber über das literarische Realismuspotenzial des Krimis oder die Probleme John Le Carrés nach dem Ende des Kalten Krieges. Der listenreiche Peter-Paul Zahl hatte sich bereits bei der Präsentation seines Romans im französischen Restaurant "Le Cochon Bourgeois" positioniert. Unfreiwillig den Lieblingsdichter seines Helden Vladimir Heiter parodierend, gab es in zeitlicher Reihenfolge erst die "Moral" und dann das "Fressen".

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