Benny Goodman : Solo für Klarinette

Vor 100 Jahren wurde Benny Goodman geboren: Er brachte den Jazz in die Carnegie Hall. Erinnerungen von Rolf Kühn.

Bei Benny Goodman fällt mir zuerst sein Musikzimmer ein, in seinem sehr modernen, wunderschönen Penthouse in New York, 200 East 62nd Street. Man konnte oben auf der Terrasse rings um das gesamte Haus herumgehen und hatte New York zu Füßen. Das Zimmer war ausgelegt mit einem dicken, lilafarbenen Teppich, der den Ton dämpfte und übersät war mit Hunderten von Klarinettenblättern. Er spielte jedes kurz an, etwa drei, vier Töne. Dann sortierte er die Guten zurück, die anderen flogen auf den Boden. Und da blieben sie dann. Wirklich Hunderte, man musste durch Blätter waten.

Wir haben des Öfteren in der Küche gefrühstückt. Er fragte, ob ich Hunger habe und dann machte er mir ein Käsebrot. In diesen Momenten war er sehr nett, eigentlich väterlich. Wir haben viel geredet, meistens über Musik und über Aufnahmen, die er gemacht hatte. Ich war einer der wenigen Musiker, die überhaupt privat bei ihm eingeladen wurden. Ab 1958 war ich für zwei Jahre in der Band von Benny Goodman. Mit neunundzwanzig. Das erste Mal von ihm gehört hatte ich ’46, nach meinem ersten Job als Musiker in Leipzig in dem Club „Römisches Haus“. Nach dem Konzert fragte mich die Pianistin Jutta Hipp, ob ich die Musik von Benny Goodman kennen würde.

Jutta Hipp war bereits kurz nach dem Krieg ein Hippie. Mit endlos langen roten Haaren und einem großen roten Hut, sie war eine Sensation. Und sie sagte, sie würde mir gerne mal etwas vorspielen. Sie lud mich ein nach Markkleeberg, einem Vorort von Leipzig, in eine Villa, wo sie mit ihren Eltern lebte. Und da spielte sie mir die erste Goodman-Platte „Hallelujah“ vor. Das war eine Offenbarung. Ich kannte davor nicht mal Goodmans Namen. Die Nazis hatten ein Bild mit einer Klarinette und zwei Händen, darunter stand „Verbrecherhände“. Das waren Goodmans Hände.

Er passte perfekt in ihr antisemitisches Bild. Kennengelernt habe ich Benny Goodman über seinen ehemaligen Bandboy Popsie, der später ein bekannter Musikerfotograf wurde. Ich war unterwegs mit den Birdland Stars Of 57, mit Count Basie, Billy Eckstine und vielen anderen. Wir waren gerade in der Nähe von New York, als plötzlich Popsie auftauchte und sagte, er würde mich gern mit Benny Goodman bekannt machen. Einige Tage später kam dann tatsächlich ein Anruf. Goodman stellte gerade eine neue Bigband zusammen, und in der Fisher Hall, gegenüber der alten Carnegie Hall, sollte eine Probe stattfinden.

Und da lagen plötzlich die ganzen alten Carnegie-Hall-Arrangements vor mir. Wir spielten zuerst „Goody Goody“, das ich von der Carnegie-Hall-Aufnahme von 1938 kannte. Und nach zweimaligem Durchspielen, bei dem jeweils Goodman das Solo übernommen hatte, zeigte er auf mich: Ich sollte das Solo spielen. Das war ein komisches Gefühl im ersten Moment. Doch nach diesem Solo bin ich dann zwei Jahre in seiner Big-Band geblieben.

Auf Tournee wussten wir nie, was uns abends erwartet: ein richtiges Konzert in einer Musikhalle oder ein College-Tanzabend. Das wusste außer Goodman eigentlich niemand. Man kam also in eine fremde Stadt, nach acht oder neun Stunden im Bus, und dann hieß es gleich Smoking an und ab ins Konzert. An den Pulten stand „B / G“, der Schrägstrich war eine Klarinette. Und wir trugen Bandjackets in Hellblau oder Orange, es gab zwei Ausführungen. Wir sind fast durch die ganzen USA getourt, und es gab nie eine Absprache, wann ich ein Solo spielen sollte. Goodman zeigte dann nur mit dem Finger auf mich. Sonst habe ich meinen normalen Saxofonpart bei den Bläsern ausgefüllt. Nur wenn er selbst nicht konnte, habe ich die Band für ihn geleitet. Das kam aber in der ganzen Zeit vielleicht vier- oder fünfmal vor.

Benny Goodman nahm nie dasselbe Flugzeug wie die Band. Nie denselben Bus oder dasselbe Hotel. Er blieb sehr distanziert. Und er sprach ganz leise, es war fast ein Flüstern. Man musste seine Lippen lesen, um ihn zu verstehen. Dann murmelte er, bevor es anfing, oft zu sich selbst: „Easy does it“.

Goodman war die Verkörperung des American Dream. Er fing an als armer Schneiderjunge in Chicago und machte durch Fleiß und Talent dann diese Riesenkarriere. Was er machte, war technisch perfekt, absolut brillant. Damals gab es ja nur Schellack-Platten und keine Möglichkeit, nachzubessern, so wie heute in den Tonstudios. Neben seiner technischen Perfektion besaß er diese besondere Leichtfüßigkeit. Wenn er eine Melodie spielte, egal welche, tänzelte er. Er machte sehr schöne Sachen um die Melodie herum, das war eins seiner Merkmale. Dazu kam seine äußere Erscheinung. Ich kann mich an ein Konzert im Gebäude der United Nations erinnern, auf einem Ball für Politiker und Senatoren. Da habe ich ihn beobachtet, in seinem sehr gut gearbeiteten Smoking, und er hätte einer von ihnen sein können, nur bewaffnet mit der Klarinette. Sehr konservativ, sehr elegant.

Die Musik, die zur gleichen Zeit in den New Yorker Clubs entwickelt wurde, war eine andere. 1959 erschütterte Ornette Coleman in seinen „Five Spot“-Konzerten den Jazzbegriff. Die spannenden Sachen wurden für die Labels Blue Note und Impulse aufgenommen. Ich merkte, dass ich selbst in diese Richtung wollte. Und als Goodman die Band nach zwei Jahren auflöste, habe ich nicht mehr weitergemacht.

Ich glaube, ich war im Grunde eine Enttäuschung für ihn, denn er war auf der Suche nach einem Nachfolger. Einem, der sein Erbe bewahrt. Wir haben danach noch oft telefoniert und uns auch gesehen, auch als ich schon wieder in Deutschland war. Aber ich war nie wieder in einem seiner Konzerte. Dann hörte ich, wie er gestorben ist. Das war 1986, er erlitt einen Herzinfarkt beim Üben. Man fand ihn in seinem Penthouse auf dem mit Klarinettenblättern übersäten Teppich, die Klarinette im Arm. Die Klarinette war Benny Goodmans Leben, bis zum Schluss.

Der Jazz-Klarinettist Rolf Kühn, 1929 in Köln geboren und in Leipzig aufgewachsen, arbeitete beim RIAS-Tanzorchester und ging 1956 für sechs Jahre nach Amerika, wo er in den Bigbands von Benny Goodman und Tommy Dorsey spielte. Heute lebt er in Berlin. Aufgezeichnet von Maxi Sickert.

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