Kultur : Bequeme Extreme

RÜDIGER SINGER

Klaus sucht die Extreme.Wie, das wissen alte Baracken-Besucher schon aus Thomas Ostermeiers brillanter Inszenierung von Alexej Schipenkos "Suzuki": Klaus (Falk Rockstroh) will Dichter werden und verdoppelt seinen Namen zum Pseudonym, um sich in einer türkisch-moabitischen Autowerkstatt nach Istanbul zu träumen und einem extrem störenden deutschen Radfahrer das Messer in die Brust zu stoßen ...Was als subtile Verrückung multikultureller Eindrücke begann, wird in Schipenkos Fortsetzung "Suzuki 2", jetzt als szenische Lesung voraufgeführt, ins Extrem totaler Verrücktheit getrieben: Ein Bulle (Jochen Senf), der sich in Klaus Klaus verliebt; ein türkischer Papa mit Peitsche; Russenmafiosi mit Politikermasken und skurrilen Foltermethoden; vor allem aber der Radfahrer, der einfach nicht sterben will: eine extreme Gaudi.Dann taucht noch K.K.s Freundin Steffi (Jule Böwe) auf - mit einer Puccini-Kassette, zu der sie sich entkleidet, worauf sie ihn am Ende in die Arme schließt.

Das war erst der Anfang eines "Extremitäten" verheißenden Leseabends: Kurzszenen von Roland Schimmelpfennig ("Ipanema"), Dirk Dobbrow ("Exit"), David Gieselmann ("Hyper und Ranson") und noch einmal Schipenko ("Ein Fünf-Minuten-Ei") wurden eigens für die Baracke geschrieben; von zwei Stücken für das Hamburger Schauspielhaus, Marius von Mayenburgs "Gestank" und Albert Ostermaiers "Death Valley Junction", wurde je eine Szene angespielt, letztere sogar vom Autor und vom Baracken-Chef höchstpersönlich.Spielfreudige Leser-Spieler (unter anderem Christin König, Claude Geisler, Kay Batholomäus Schulze, Anja Marlene Korpuen, Tilo Werner, Ronald Kukulies, Hans Fleischmann) sorgten reichlich für Schaufreude - war aber das mit den "Extremitäten" bloß ein Kalauer oder doch ein Anspruch?

Extremes suchen die Jungdramatiker meist auf ähnliche Weise wie Klaus herbeizuzwingen: mit Gags und Schocks.Schipenko läßt einer Hausfrau nur morgendliche fünf Minuten, um ihren furzenden Mann zu erdrosseln und von ihrer dreizehnjährigen Tochter erdrosselt zu werden; Gieselmann versucht sich in kosmischem Kabarett und läßt die zwei letzten Menschen letzte Menschheitsfragen klären, indem sie ihre Gehirne herausnehmen und vertauschen - als gelesene Regieanweisung, versteht sich.Wirklich verwirrend wird es bei Dobbrow, wenn ein partymüder Mann auf einem Hochhausdach oder in einem Lift oder einer U-Bahn auf die Brust einer fremden Selbstmordkandidatin oder seiner toten Freundin Anima oder seiner eigenen Seele schießt - mit einem Fotoapparat ...Mayenburg entwirft das Mietshaus-Bild einer haßerfüllten Welt, das trotz sarkastischer Überdrehung bitterernst gemeint ist: Wenn Betsi ihrer hochschwangeren und mißhandelten Schwester erzählt, wie sie die Kleine einst das Klo runterspülen wollte, ist das kaum mit Albert Ostermaiers Tarentino-Nonsense (Leiche kocht im Swimming-Pool; Durchgeknallter verliert Tochter beim Kartenspiel) zu vergleichen, hinter dem sich freilich eine empfindsame Seele verbirgt: Ostermaiers Gedichte mit englischen Titeln und billigen Bildern ("Lost Angel" im Supermarkt) führen, von E-Gitarrenklägen umwabert, in Extrembereiche des Kitsches.

Extremes anderer Art versucht lediglich Roland Schimmelpfennig: Halb verlegen, halb herausfordernd und in irgendeiner slawischen Sprache spricht zu uns eine junge Frau; neben ihr eine ältere, spießig gekleidet, die ins Mikro übersetzt: Mein Bein ist nicht mein Bein, mein Freund nicht mehr mein Freund, wer streichelt noch einen Stumpf? Freundlich und aufmerksam wird dieses Dolmetschen vollführt, extrem routiniert.Und damit, das einzige Mal an diesem Abend: extrem verstörend.

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