Kultur : "Beresina": So ist das in der Schweiz

Silvia Hallensleben

Die Schweiz: Trachtentragende Eidgenossen, zerschossene Äpfel, frühe Männerdemokratie. Eine Festung mit Bunkern und Volkssturmtruppen. Uhren und Schokolade. Schön, aber teuer. Und Banken, von Geldkoffern ganz zu schweigen.

Die Schweiz, das kann man wohl sagen, ohne den Schweizern zu nahe zu treten, ist eine große europäische Realsatire. Das liegt daran, dass wir anderswo in Europa all das, was die Schweiz hat, auch haben: Trotzige Männer und grüne Weiden, Trachten, Waffen und Geldkoffer. Aber nirgendwo sonst ist es so "sauber und intakt", ja geradezu überbelichtet anzusehen wie dort.

Der Regisseur Daniel Schmid ist ein Schweizer. Und die Schweiz ist sehr präsent in seinem Film "Beresina". Allerdings bildet Schmidt sie mit einem Realismus ab, dem es nicht um äußerliche Ähnlichkeiten geht: Matterhorn und Chalets werden als gutgeschneiderte Kulissen vorgeführt, die Bunker sind mit Wegweisern ausgestattet. Und: Die Schwyzer sprechen Hochdeutsch - konsequenterweise werden sie von so renommierten deutschen Schauspielern wie Martin Benrath und Ulrich Noethen gegeben. Bis auf drei Ausnahmen: Geraldine Chaplin als englische Modetussi, eine italienischstämmige Putzfrau (Marina Confalone) und die Heldin Irina (Elena Panova) mit dem slawischen Akzent, der die niederknienden Schweizerherren so entzückt.

Irina ist Wirtschaftsflüchtling. Sie will einen Schweizerpass. Sie liebt ihr neues Heimatland heiss und innig. Selbst die erotischen Dienstleistungen an den Honoratioren, die sie - kopfunter, rockhoch - mit bravouröser Unschuld vollbringt, scheinen ihr eher Liebesdienst denn Schmuddelei zu sein. Schließlich bietet einer der Herren, ein Ex-General, ihr sogar die Ehe an. Und ein anderer, Wirtschaftsanwalt Waldvogel, verspricht Irina die Ehrenbürgerschaft für Spionagedienste an ihren Klienten.

Daheim in Elektrostal (!) wartet der Rest von Irinas bitterarmer Großfamilie auf die Familienzusammenführung. Irina ist naiv. Und sie ist eine schlechte Agentin. Deshalb muss sie Geschichten erfinden, um die Neugier ihres Auftraggebers Waldvogel zu befriedigen. Freie Improvisation also, über flüchtige Geldschieber, die in bundesrichterlichen Chalets untergeschlupft sind und andere Verstrickungen. Sie sind unglaublich und dreist - und stellen sich als zutreffend und wahr heraus.

Ja, so ist das in der Schweiz. Die Realität übertrumpft zuweilen noch die Einbildungskraft. Zum Schluss wird Irina von einem Haufen patriotischer Putschisten zur Königin gekrönt.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Für uns, die wir beileibe nicht alle Anspielungen verstehen können, kommt "Beresina" trotzdem gerade richtig. Denn wir finden uns selbst wieder in dem Film. Die Schweiz ist schließlich ein Kernland Europas.

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