Kultur : Berge sind gleichgültig wie der Mensch

Vernutzte Landschaften: Die Wiener Kunsthalle zeigt Walter Niedermayrs fotografische Ansichten von Alpen und Städten

Bernhard Schulz

Die Fotografien sind durchweg leicht überbelichtet. Nuancierungen verschwimmen in gleichmäßiger Helligkeit, die indessen nicht blendet, sich vielmehr wie der milchige Schleier eines Sommertages dämpfend über alle Farben und Formen legt. Andererseits sind Details in dieser Lichtsuppe oft besser auszumachen als inmitten der blendenden Fülle kontrastreicher Farben.

Walter Niedermayr, 1952 in Bozen geboren, ist mit der Serie seiner „Alpinen Landschaften“ bekannt geworden. Das sind radikale Verweigerungen des Postkartenblicks, horizontlose Ausschnitte, die der Erhabenheit majestätischer Berggipfel ebenso entbehren wie der Lieblichkeit der von ihnen umfangenen Täler. Es sind paradoxerweise Nahansichten, in denen alles von Menschenhand Geschaffene mikroskopisch klein wird. Es sind verschneite Abhänge, auf denen sich Skiläufer ausmachen wie Mikroben; ein lächerlich kleines Getier, das auf den durch ihre über jeden Bildrand hinaus drängende Weite unabsehbaren Hängen und Matten herumkrabbelt.

Freilich, beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass es dieses kleine Getier namens Mensch ist, das der scheinbar unberührten Natur seine Sicht, seine Nutzung und Technik aufprägt. Seidenfadendünn ziehen sich die Zugseile von Skiliften durchs Bild oder meist eher an dessen Rand entlang, lassen sich des Winters Skipisten und des Sommers Saumpfade ausmachen.

Nah herangehen kann der Betrachter an Niedermayrs Bilder, handelt es sich doch durchweg um Abzüge in Formaten von 80 mal 100 Zentimetern an aufwärts. Meist koppelt Niedermayr leicht gegeneinander verschobene Ansichten zu Tableaus aus zwei und mehr, im Falle von „Vedretta Piana VI“ gar 17 Einzelabzügen. Sie ergänzen einander nicht wie ein Puzzle, sondern lassen Lücken erkennen oder aber überschneiden sich.

In der Kunsthalle Wien hat jetzt eine spektakuläre Wanderausstellung mit neuen, in den zurückliegenden drei Jahren entstandenen Arbeiten begonnen. Der Bozener Einzelgänger teilt mit den schulbildenden Düsseldorfer Fotografen Bernd und Hilla Bechers manche stilistischen Merkmale, vor allem die gleichmäßige Ausleuchtung ohen Schattenwurf.

Ihn trennt von ihnen die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit gegenüber dem Sujet: Jedes Alpenbild sieht aus wie ein zufällig aus einer größeren Komposition herausgeschnittener, für sich genommen aussageloser Schnipsel. Die Gleichgültigkeit aber lässt sich als Eigenschaft der dargestellten Realität entschlüsseln. Niedermayrs Bilder sind Embleme der Massengesellschaft, in der das Individuum hinter der Organisation von Verkehr und Bewegung vollständig zurücktritt.

Hier blitzt auf, was das „Bild“ vom bloßen „Abbild“ unterscheidet: dass Niedermayrs Fotografien etwas sichtbar machen, was aus der bloßen Wiedergabe realer Objekte nicht ersichtlich wäre (und darum in allen Postkartenmotiven beschönigend verborgen bleibt). Die Alpen Niedermayrs sind Nutzlandschaften, in denen Hänge planiert, Abfahrten gebahnt und Wege gezogen werden, in denen die Natur zum Dekor des touristischen Zwecks verkommt.

Von den Alpen, die er in seiner Südtiroler Heimat seit 1987 beobachtet, hat Niedermayr seinen Blick auf alpine Gebiete und sodann auch auf Verkehrswege in aller Welt ausgedehnt. Die Wiener Ausstellung in den klaren Räumen der Kunsthalle im 2002 eröffneten „Museumsquartier“ zeigt Arbeiten aus der Serie der „Artefakte“, die Schnellstraßen, Autobahnkreuze und Brückenanlagen vorzugsweise japanischer Provenienz als Nervenbahnen einer Selbstzweck gewordenen Mobilität vorführen. Die Künstlichkeit, die Niedermayr in den ski-genutzten Alpenlandschaften dechiffriert, findet in den von Menschenhand geschaffenen Unorten an der Peripherie der Städte ihre Steigerung ins Monströse.

Darüberhinaus wendet sich Niedermayr seit einem Jahrzehnt auch Innenräumen zu, Kantinen oder Fitness-Studios, Krankenhaus- und Gefängnisfluren. Die Stringenz der Alpenbilder fehlt jedoch den Innenräumen. Die Überbelichtung, die den Landschaften ihre paradoxe Klarheit sichert, enttäuscht in den Interieurs als bloßer Kunstgriff. Vor allem aber kommt Niedermayr die entlarvende Beiläufigkeit des Blicks abhanden. Er muss seine Großformatkamera fokussieren und vermag in den Innenräumen die Planmäßigkeit menschlichen Tuns nur zu betonen, statt – wie in den Landschaften – dessen zerstörerische Gewalt zu enthüllen. Nicht zuletzt versagen sich die Innenansichten jener Montage zu großflächigen Tableaus, in denen sich die zufälligen Bildausschnitte zu einer neuen Realität verdichten. Walter Niedermayr wird jenen eigenen Blick, den er im Außenraum mit traumwandlerischer Sicherheit schweifen lässt, im geschlossenen Raum noch finden müssen.

Die Ausstellung der Wiener Kunsthalle teilt diesen Vorbehalt. Sie rückt die Landschaftstafeln in die doppelgeschossige Halle und verbannt die Interieurs in schmale Umgänge. So dominieren zu Recht die Alpenpanoramen, in denen der Betrachter keinen Halt findet und erst recht keinen Trost.

Kunsthalle Wien, , Museumsplatz 1, bis 27. April (anschließend in Hannover, Leipzig und Stuttgart). Katalog bei HatjeCantz, Großformat, 168 S., 29 €; im Buchhandel Ln. 49,80 € .

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