BERIN/PARIS : Paris klopft an

Ein Austauschprojekt bringt Galeristen von der Seine nach Berlin – und umgekehrt

Christiane Meixner

Mehdi Chouakri hat Mitte der neunziger Jahre in Paris begonnen, und immer noch ist ihm die Zeit dort als Galerie-Assistent sehr klar in Erinnerung: „Die Leute haben sich nicht bewegt.“ Es gab eine Finanzkrise, und es gab das Selbstverständnis einer Generation, die lieber auf Gemälde der Klassischen Moderne setzte oder aber gediegene Möbel kaufte, sobald sie es zu etwas gebracht hatte. Doch noch bevor Chouakri nach Berlin umzog, waren die ersten Zeichen einer Veränderung spürbar: Französische Künstler wie Pierre Huyghe oder Dominique Gonzalez-Foerster waren plötzlich international gefragt, französische Sammler öffneten vorsichtig ihre Türen für eine neugierige Öffentlichkeit. Und überall sprossen junge Galerien, deren Interesse der aktuellen Kunst galt.

Von diesem Umbruch ist allerdings wenig nach außen gedrungen. Paris, das ist die Stadt der Museen, die man unbedingt besuchen sollte. Und ja, es gibt angesehene Galerie wie Air de Paris, deren internationales Programm weit über Frankreich strahlt, und die Kunstmesse FIAC als Umschlagplatz für Zeitgenössisches. Aber sonst? Was sich dort alles tut, wird den Berlinern während der nächsten zehn Tage quasi vor die Füße gelegt. Sie müssen nicht einmal reisen, stattdessen kommt die Kunst mitsamt der Galeristen zu ihnen.

„Berlin/Paris“ heißt das ambitionierte Projekt, an dem sich elf Galerien aus Berlin und 13 aus Paris beteiligen. Initiiert hat es die französische Botschaft – ursprünglich mit der Idee, Künstler aus dem eigenen Land in die deutsche Metropole zu bringen. Das aber gefiel den Galeristen nicht. Wenn schon, dann wollten sie lieber einen Transfer der Kunstszenen. Auch wenn dieses Unterfangen weit komplizierter ist. So werden sämtliche Galerien zur Plattform ihrer Gäste. Johann König (Dessauer Straße 6/7) hat Platz für Almine Rech gemacht, die mit Fotografien von Taryn Simon und Skulpturen Haim Steinbachs eine exzellentes Porträt der amerikanischen Gesellschaft zeichnet. Die Galeristin Fabienne Leclerc zieht in die Räume von Christian Nagel (Weydinger Straße 10) und präsentiert mit Bruno Perramant, Damien Deroubaix und Renaud Auguste-Dormeuil drei junge französische Künstler, die die Themen Macht und Gesellschaft reflektieren. Und bei Esther Schipper (Linienstraße 85) zeigt nicht nur Galerie kreo Objekte des Designers und gebürtigen Berliners Jerszy Seymour. Auch Air de Paris schlägt hier die Zelte auf und beweist mit Arbeiten der über 70-jährigen Dorothy Iannone, dass die Stadt an der Seine ihr künstlerisches Potential häufiger aus Berlin bezieht.

Auch das macht „Berlin/Paris“ sichtbar: wie eng die zwei Metropolen längst miteinander verknüpft sind. Einige der Galerie vertreten dieselben Künstler, andere nehmen seit langem an der FIAC teil und haben sich dort vernetzt. Dass etwa Isabella Bortolozzi (Schöneberger Ufer 61) die Pariser Galerie Balice Hertling mit den großen Skulptur von Oscar Tuazon einlädt, war klar, weil man sich schon länger kennt. „Die Kontakte waren da“, meint Isabella Bortolozzi. Dennoch freut es sie, dass man nun vereint auf die Achse aufmerksam macht, Sammler, Kuratoren und Kritiker bei einem Essen zusammenbringt und die Galerien zumindest bei den teuren Transportkosten unterstützt.

Mehdi Chouakri, den die Starre der Pariser Szene damals verstört hat, gewinnt der jüngeren Vergangenheit nun doch einige positive Seiten ab. Er hat sich mit der Galerie 1900-2000 ausgerechnet einen Partner gewählt, der wie kaum ein anderer für Klassische Moderne steht. Hans Bellmer, Marcel Duchamp, Max Ernst und Konrad Klapheck, den man als surrealen Maler kennenlernen darf, nehmen Platz an den Wänden seiner Galerie (Edisonhöfe, Invalidenstraße 117). Ähnlich verhält es sich bei Carlier Gebauer (Markgrafenstraße 67), bei denen unter anderem Antoni Tàpies und Alexander Calder einziehen. Schließlich habe, meint Chouakri, der Pariser Kunsthandel eine lange Tradition, die man nicht einfach ausblenden könne.

„Berlin/Paris“ führt also die Fäden zusammen. Von der alten Achse der Kunsttransfers zwischen den Metropolen, die bis 1945 funktionierte, bis in die Zukunft, die die Berliner Galeristen im Februar schließlich für zehn Tage nach Paris führen wird.

FAKTEN

Das Projekt geht auf eine Initiative der französischen Botschaft in Berlin zurück und findet vom 9. bis zum 18. Januar in Berlin und vom 6. bis zum 15. Februar in Paris statt.

TEILNEHMER

Auf Einladung von elf Berliner Galerien kommen insgesamt 13 Pariser Galerien in die deutsche Hauptstadt, darunter renommierte Adressen wie Air de Paris oder Almine Rech, aber auch junge Galeristen und ein Non-Profit-Space.

PROGRAMM

Das Projekt ist als Austausch zweier europäischer Kunstszenen gedacht und soll die künstlerischen Programme der Galeristen in der jeweils anderen Metropole vorstellen. Es gibt begleitende Abendveranstaltungen im Institut francais de Berlin (Kurfürstendamm 211)

INFO

Mehr Informationen gibt es auch unter www.berlin-paris.fr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben