Berlin Art Week: Gustav Metzger im NBK : Deine Zeitung, mein Wandbild

Eine Installation von Gustav Metzger im Neuen Berliner Kunstverein. Der Tagesspiegel liefert ihm das Material dazu.

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Installation von Gustav Metzger mit dem Titel "Today and Yesterday" im Neuen Berliner Kunstverein. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Installation von Gustav Metzger mit dem Titel "Today and Yesterday" im Neuen Berliner Kunstverein.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es riecht nach Staub und Papier im Neuen Berliner Kunstverein. In der Mitte der Galerie stehen Zeitungsstapel. Liest man die Tagesspiegel-Schlagzeilen der letzten Monate, staunt man über ihre Vergänglichkeit. Für den in London lebenden Künstler Gustav Metzger sind Zeitungen das ideale Material, weil sie von selber zerfallen.

Anfang der Sechzigerjahre propagierte Metzger seine „auto-destructive art“, Kunst, die sich selbst zerstört. Er sprühte Säure auf Nylon und sah zu, wie sich sein Werk auflöste. Für die Documenta 5 schlug er 1972 vor, die Abgase von 120 Autos in eine Halle zu leiten. Die Motoren sollten von morgens bis abends laufen. Am Ende sollte alles in Flammen aufgehen. Das Werk blieb als Vorschlag auf dem Papier und wurde erst 2007 bei der Sharjah Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten realisiert. Und womöglich in seiner Brisanz verkannt.

Für ihn enthalten Zeitungen die ganze Welt

Hinter Gustav Metzgers brachialem Zerstörungswillen steht die Verzweiflung über den Zustand der Welt und ein seismografisches Gespür für kommende Katastrophen. Der Künstler wurde 1926 in Nürnberg als Sohn jüdisch-orthodoxer Eltern geboren. Mit sechs Jahren brachte ihn das Refugee Children Movement nach England in Sicherheit. Seine Eltern und ein Bruder wurden in Buchenwald ermordet. Untergang, Vernichtung, Ausrottung prägen Metzgers Werk so konsequent, dass das Museum of Modern Art in Oxford für eine Retrospektive 1998 kaum noch Arbeiten fand: Die meisten existierten nicht mehr.

„Mass Media – Today and Yesterday“ entwickelte Metzger bereits 1972. Für ihn enthalten Zeitungen die ganze Welt. Seine Kunst ruft dazu auf, die Macht der Medien infrage zu stellen und genau hinzuschauen. „Zeitungen“, sagt er, „repräsentieren die Realität, sie sind Realität und sie formen die Realität.“ Im NBK können Besucher nun die Schere in die Hand nehmen und Artikel ausschneiden, die sie für wichtig halten. Während der Block mit Zeitungen kleiner wird, wächst das Wandbild der Leser. Während sich das Kunstwerk selbst zerstört, erschafft es etwas Neues. Subversiv fordert das unauffällige Archiv dazu auf, die Wirklichkeit selbst zu gestalten.

NBK, Chausseestr 128/129, bis 22. 1.; Di bis Fr 12– 18 Uhr, Do 12–20 Uhr.

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