Berlin Art Week : Nichts als ein Paar Augen sein

Die Deutsche-Bank-Kunsthalle zeigt Jeanne Mammen und drei junge Malerinnen. Und präsentiert damit ein Gegenprogramm zur reinen Männerkunstschau "Bube Dame König Ass" in der Nationalgalerie. Alles im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts "Painting Forever!"

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Wer zerreißt den Vorhang? „Die Ideen der Frauen“, ein Gemälde von Katrin Plavcak aus diesem Jahr. Foto: DB-Kunsthalle
Wer zerreißt den Vorhang? „Die Ideen der Frauen“, ein Gemälde von Katrin Plavcak aus diesem Jahr.Foto: DB-Kunsthalle

Hier die Männer, da die Frauen. Bei der Art Week geht es zu wie einst in der Kirche, hübsch getrennt. Während die opulente, von vier Männern bestrittene Ausstellung „Bube Dame König Ass“ in der Neuen Nationalgalerie mit kraftvoll-saftiger, ganz im Gegenwärtigen aufgehender Malerei lockt, geht ihr weibliches Gegenquartett in der Deutschen Bank-Kunsthalle sehr viel feinsinniger heran und greift dabei auch auf Urzeitliches wie Fetische zurück.

„To Paint is To Love Again“– mit diesem Zitat von Henry Miller setzt sich Eva Scharrer souverän über die Diskussion um das Ende der Malerei hinweg. Die Kuratorin zieht Verbindungen zwischen dem Spätwerk der Berliner Malerin Jeanne Mammen und den Arbeiten von drei jüngeren, in Berlin lebenden Künstlerinnen: Antje Majewski, Katrin Plavcak und Giovanna Sarti. Zwischen 1967 und 1970 geboren, wurden alle drei mit der Wende erwachsen. Jeanne Mammen, Jahrgang 1890, war Zeugin von Diktatur und Krieg. Die Künstlerinnen eint eine ähnliche Sichtweise. Jeanne Mammen formulierte diese Haltung am radikalsten: „Nur ein Paar Augen sein, ungesehen durch die Welt gehen.“

Bekannt durch ihre herben Zeichnungen aus den Zwanzigern, zog sich Jeanne Mammen während des Nationalsozialismus in die innere Immigration zurück. Nach der Not der Kriegsjahre arbeitete sie die Signale der Rettung in ihre Malerei ein – die Kordel der Care-Pakete, Stanniolpapier von Bonbons und Schokolade. Eva Scharrer entdeckte die späten Gemälde aus den Sechzigern und Siebzigern im ehemaligen Wohnatelier der Künstlerin am Kurfürstendamm.

Das Bild „Photogene Monarchen“, 1967 zum Schahbesuch entstanden, schwelgt noch in Gold- und Silberfolie. Nach einer lebensbedrohlichen Krankheit reduziert Mammen ihre Malerei bis zur Zeichenhaftigkeit, so dass nur noch eine Hand, eine Maske oder ein Vogelkopf auf der Leinwand übrig bleiben. Die Ausstellung zeigt auch ihr letztes Bild: „Verheißung eines Winters“, ein Jahr vor ihrem Tod 1975 entstanden. Die Malerin drückt mit den Fingern die weiße Farbe wie Mörtel auf den Stoff, bis eine Art Höhlenwand entsteht. Darauf unterzeichnet sie mit der Signatur der Analphabeten, dem Kreuz. Als Letztes setzte sie einen Punkt in Rot.

Die Welt durch Introspektion wahrnehmen – an diese Strategie Jeanne Mammens knüpfen die Malerinnen der jüngeren Generation an. Giovanna Sarti verwendet Lack, Tusche, Glitzer und Metallstaub für ihre fast informellen Bilder. Ihr Weiß ist leicht und hellsichtig. Es eröffnet eine enorme geistige Weite.

Antje Majewski richtet in dem für sie reservierten ruhigen, klaren Raum ein eigenes „Museum in der Garage“ ein. Die Künstlerin porträtiert Fundstücke aus Jeanne Mammens Atelier, Muscheln oder durchlöcherte Schneckenhäuser. Aber auch Objekte, die Anfang und Ende der Zivilisation belegen, Exponate aus dem Museum der Kykladeninsel Santorin und aus der Gedenkstätte Ravensbrück. Die Insassinnen des früheren Konzentrationslagers beschenkten einander mit winzigen Hündchen, die sie aus Zahnbürsten schnitzten – Belege für Menschlichkeit in der Hölle. Ein Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Bilder soll der Gedenkstätte zugute kommen. Die Malerei setzt hier die Geste des Gebens fort.

Wie Antje Majewski gehört auch Katrin Plavcak der feministischen Gruppe „ff“ an. In ihrer Kunst schlägt sich die sozialkritische Haltung am deutlichsten nieder. Die Darstellung von Steuerparadiesen, alternativen Kreditinstituten oder die Inszenierung einer Briefkastenfirma im Kleiderschrank wirken in der Kunsthalle der Deutschen Bank jedoch allzu zu explizit. Feinsinniger definieren Phantome und haarige Wesen die weibliche Außenseiterposition. Als „Female Ghost“ wandert eine Stadtstreicherin in Gespensterkluft durch die Straßen – ungesehen, unerkannt. Durch ihren Blick von den Rändern her entwickeln die vier Malerinnen eine eher introvertierte Sicht. Ihre Wirklichkeit geht dabei weit über das Sichtbare hinaus.

Deutsche-Bank-Kunsthalle, Unter den Linden 13/15, bis 10. 11.; tägl. 10–20 Uhr. Katalog (Kettler Verlag) 9,80 €.

Infos zur Berlin Art Week: www.berlinartweek.de

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