Berlin : Nur ein Wunder kann helfen

Stadtschloss und Humboldt-Forum: Das geht nicht zusammen, meint Franziska Eichstädt-Bohlig, die Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.

Franziska Eichstädt-Bohlig

Nur 158 Architekten wollen sich an dem Wettbewerb zum Bau des Humboldt-Forums / Schlosses beteiligen. Diese Teilnehmerzahl ist beschämend gering, wenn man vergleicht, dass 1994 für den ersten Wettbewerb zur Stadtmitte Spreeinsel über 2000 Bewerbungen aus aller Welt eingingen und 1105 Arbeiten im ersten Durchgang eingereicht wurden.

Die Architekten werden vor eine Aufgabe gestellt, die gestalterisch kaum befriedigend gelöst werden kann. Der Doppeltitel der Wettbewerbsbekanntmachung „Wiedererrichtung des Berliner Schlosses / Bau des Humboldt-Forums Berlin“ zeigt das Dilemma: Das Bundesbauministerium hat zwei kaum vereinbare Aufgaben so untrennbar miteinander verknüpft, dass die Gefahr des Scheiterns sehr groß ist. Der jahrelange Streit, ob hier ein Humboldt-Forum gebaut werden soll, das gleichzeitig Elemente der Erinnerung an das Stadtschloss enthält, oder ob hier das Stadtschloss neu erbaut werden soll, das dann zur musealen Nutzung bereitgestellt wird, wird nun den Architekten zur Quadratur des Kreises angedient.

Das Humboldt-Forum verlangt eine moderne, zeitgenössische Architektursprache. Es braucht Räume, deren Größe, Höhe und Belichtung überwiegend nicht mit dem Fassadenaufbau des Hohenzollernschlosses in Einklang gebracht werden können. Darum habe ich bereits 2002 in der Expertenkommission „Historische Mitte“ und ebenso bei der Abstimmung im Deutschen Bundestag dafür gestritten, dass zwar die Kubatur des ehemaligen Schlosses den Wettbewerbsteilnehmern vorgegeben wird, nicht aber die Fassade und auch nicht die Lage und Gestaltung des Schlüterhofs. David Chipperfield hat vor kurzem ähnliches gefordert und wurde dafür böse niedergeschrieben. Aber erst wenn man Architekten gestalterische Freiheit gibt, lässt sich prüfen, ob die Schlossfassaden und das HumboldtForum miteinander vereinbar sind.

Interessant kann das Bauwerk nur werden, wenn es gelingt, zwischen der Rekonstruktion der drei Schlüterfassaden und einem modernen Humboldt-Forum ein gestalterisches Spannungsfeld zu erzeugen. Dies könnte durch Distanzen und durch Brüche zwischen dem neuen Alten und dem neuen Neuen erzeugt werden. Zu befürchten ist aber einerseits, dass die Kopien von historischen Gebäudeteilen nicht lebendig wirken, sondern den Charakter von künstlichen Computeranimationen auch in der Realität haben werden. Dies vor allem im Schlüterhof, wo die figürliche Gestaltung eine ganz besondere Herausforderung darstellt, deren Gelingen keinesfalls garantiert werden kann.

Zum anderen wird mit der Hauptnutzfläche von 40 000 Quadratmetern eine so hohe Ausnutzung vorgegeben, dass nur wenig Raum für ein spannungsvolles Gegenüber von Historischem und Moderne erzeugt werden kann. Die in letzter Minute hereingenommenen Vorgaben zur Rekonstruktion der Kuppel und die geforderte „Prüfung“ der Integration historischer Raumgefüge erschweren das Projekt zusätzlich.

Diese Wettbewerbsvorgaben führen wahrscheinlich zu einer spannungslosen Mixtur aus modernen Bauteilen mit angeklebten Schlosskopien. Das schlechte Vorbild für solche distanzlose Rekonstruktion gibt das Projekt des Braunschweiger Schlossneubaus als Hülle für eine Shoppingmall. Nun sind wir froh, dass sich in Berlin eine klare öffentliche Nutzung, eine öffentliche Bauherrenschaft und ein transparentes Wettbewerbsverfahren durchgesetzt hat. Eine Garantie für eine gute, eine herausragende Gestaltung ist das aber nicht, wie Potsdam zeigt: Bei der dort geplanten Schlossrekonstruktion passen die neuen Nutzungsansprüche und die Proportionen und auch die Formsprache des historischen Schlosses nicht zusammen. Potsdam macht zusätzlich den Fehler, dass es das Planungsverfahren hinter verschlossenen Türen betreibt.

Der oft angeführte Vergleich mit der Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden trifft die Probleme der Berliner und der Potsdamer Schlossrekonstruktionen nicht. Bei der Frauenkirche ist die Raumnutzung identisch mit der historischen Funktion Kirche. Und das Bauwerk wurde alt wie neu aus einem Werkstoff, dem Elbsandstein, gebaut.

Der Bund und die Wettbewerbsjury müssen jetzt also auf ein gestalterisches Wunder warten. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass dieses Wunder eintrifft. Zumal die Architekten, denen man solch überragende Gestaltungskraft zutraut, entweder in der Jury sitzen oder sich klug aus diesem Verfahren heraushalten.

Was ist jetzt zu tun? Auf keinen Fall sollte der Wettbewerb abgebrochen werden. Denn nach den jahrelangen Wortgefechten können und müssen nun endlich konkrete Entwürfe zeigen, ob und wie die gestellte Doppelaufgabe lösbar ist. Der Bundesbauminister und die Jury sollten eine Fristverlängerung für das Bewerbungsverfahren ermöglichen und dafür den vollen Wettbewerbstext endlich öffentlich zugänglich machen. Der bislang zugängliche Ausschreibungstext ist nämlich so dürr, dass man die Bedeutung der Aufgabe nicht bewerten kann.

Dann muss die Jury darauf bestehen, dass die selbst ernannte Bauherrenschaft des Fördervereins Berliner Schloss e.V. für die Fassadenrekonstruktion und den Schlüterhof beendet wird. Sie muss vollständig in Bundeshand liegen. Auch die Architektenverantwortung kann nicht zu Teilen beim Förderverein liegen. Es muss auch Vorsorge für das gestalterische oder das finanzielle Scheitern der Schlossapplikationen getragen werden. Das heißt, das Bauwerk muss so konzipiert werden, dass es auch funktioniert, wenn die Schlossfassaden gar nicht oder erst später oder nach und nach erstellt werden.

Wenn die widersprüchlichen Wettbewerbsvorgaben keine wirklich gute Lösung für diese bedeutende Aufgabe an diesem bedeutenden Standort bringen, so sollte die Jury den Mut haben, das Scheitern des Wettbewerbs zu erklären. Sie muss dann den Auftrag an den Deutschen Bundestag zurückgeben, der sich eine gestalterische Vorentscheidung angemaßt hat, die eigentlich erst am Ende eines Wettbewerbsverfahrens stehen dürfte.

Dass der Berliner Senat sich bei dieser zentralen Aufgabe aus dem Staub gemacht hat, ist einerseits feige, andererseits aber auch ein Zeichen, dass das Vorhaben nicht auf einem breiten bürgerschaftlichen Konsens aufbaut, sondern vielfach als ungeliebtes Kuckucksei im Nest empfunden wird.

Die Autorin ist Fraktionsvorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin. Sie ist zudem Mitglied im Beirat der Bundesstiftung Baukultur und war 2001/02 Mitglied der Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ sowie Mitglied des Deutschen Bundestags bei der Abstimmung über die Rekonstruktion des Schlosses

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