Kultur : Berlin war weiblich

Die Wiederentdeckung des Portraitmalers Willy Jaeckel

Michael Zajonz

Ludwig I. von Bayern hatte eine, die ihm zum Verhängnis wurde. Gunter Sachs braucht sie nicht, er fotografiert selbst. Das Berliner Bröhan-Museum rückt sie nun ins Zentrum seiner aktuellen Ausstellung: die Schönheitsgalerie. Sie war einst eine beliebte Form, Porträts realer und mithin besonders begehrenswerter Zeitgenossinnen zu präsentieren. Ob Leni Riefenstahl, die Malerin Hanka Lerner oder die Tänzerin Dorothea Albu: Kühl, sexy, ein wenig schwermütig taxieren sie uns aus ihren Rahmen. „Mythos und Mondäne“ stellt eine Zusammenschau von 100 Gemälden, Pastellen, Zeichnungen des Secessionsmalers Willy Jaeckel (1888 - 1944) vor.

Der Beau Jaeckel malte in den Zwanziger- und Dreißigerjahren das elegante Berlin; in seiner Wahrnehmung muss es weiblich gewesen sein. Selbst ein dreiviertel Jahrhundert später wirkt seine Porträtkunst – angesiedelt irgendwo zwischen Expression und Neuer Sachlichkeit – lediglich ein bisschen verstaubt. Die meist jungen Frauen strahlen ein Selbstbewusstsein aus, das noch immer berührt, weil es damals wirklich avantgardistisch war. Garcon-Frisur und glimmende Zigarette sind auch durch die Frauenporträts von Otto Dix und Christian Schad vertraut. Deren harter sozialer Verismus interessiert Jaeckel nicht. Statt dessen zunehmend altmeisterliche Delikatesse, auch bei den nicht minder erstaunlichen Akten, „heroischen“ Landschaften und symbolisch aufgeladenen Ereignisbildern. Dies malerische Werk, erstmals umfassend ausgebreitet, ist eine Entdeckung.

Und Jaeckel hatte damit Erfolg: Mitglied der Berliner Secession seit 1915, der Akademie der Künste ab 1919, Professor an der Staatlichen Kunsthochschule Berlin zwischen 1925 und 1943. Gleichwohl gehört er zur lost generation der um 1890 Geborenen. Mit dem Malen begonnen hatte der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Breslauer zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Da waren seine Auswanderungspläne in die USA gerade an seiner labilen Gesundheit gescheitert. Auf der Berliner Juryfreien Kunstausstellung von 1913 erregten zwei (später zerstörte) Monumentalgemälde „Kampf“ und „Dasein“ Aufsehen. An Ferdinand Hodlers pathetischem Figurenideal geschult, markiert die hartleibige Thesenmalerei Ehrgeiz und frühes Leid. Schon seine Antikriegsbilder, allen voran der eindrückliche „Hl. Sebastian“ der Hamburger Kunsthalle, gehorchen dem selbst verordneten Kanon nur noch mit Mühe.

Fotos und Skizzen dokumentieren die vier gewaltigen Wandbilder für den Arbeiterspeisesaal der Bahlsen-Keksfabrik in Hannover - 1916 entstanden, 1943 zerstört. In Jaeckels Opus magnum fungierten nicht mehr Nietzsche und Bergson, sondern Theosophie und Kabbala als Ideengeber. Karstige Urgründe und kontemplativ gestimmte Bildfiguren generieren einen Realismus der Visionen, der bislang kaum als eigenständiger Beitrag zur Moderne wahrgenommen wurde. Ende 1943 bietet der Künstler an, die vernichteten Gemälde nach Kriegsende zu kopieren.

Doch dazu kam es nicht mehr. Im Januar 1944 starb Willy Jaeckel in Berlin, unter den Trümmern des von einer Sprengbombe getroffenen Hauses Kurfürstendamm 180. Wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, dann lehren Willy Jaeckels erhaltene Werke noch immer das Sehen.

Bröhan-Museum in Berlin-Charlottenburg, Schloßstrasse 1a, bis 31. August, geöffnet Di-So 10-18 Uhr.

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