Berlinale 2017: Generation : Häschen trifft Revoluzzer

Herausfordern, aber nicht überfordern: Die Kinder- und Jugendreihe Generation feiert 40. Geburtstag - und beweist einmal mehr, dass man jungen Leuten auch anspruchsvolle Filme zeigen kann.

Kirsten Taylor
Aufmüpfig. Szene aus dem 14plus-Film „Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau“.
Aufmüpfig. Szene aus dem 14plus-Film „Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau“.Foto: Eva-Maude T-Champou

„Ein Gespenst geht um in der Welt. Das Gespenst der Jugend.“ Der Satz stammt nicht von Marx, sondern aus dem Spielfilm „Ceux qui font les révolutions à moitié n’ont fait que se creuser un tombeau“. Einen gesellschaftlichen Umsturz, eine Veränderung der neoliberalen Verhältnisse – das wollen in dem kanadischen Spielfilm die vier jungen Protagonisten, und zwar mit aller Gewalt. Nach den Studentenprotesten in Québec 2012 verschreiben sie sich ganz dem Kampf und sind dabei so konsequent, dass es schmerzt. Am meisten sie selbst. Eine dreistündige hochpolitische Collage aus Spielfilm, Nachrichten- und Archivmaterialien sowie Interviews, gespickt mit Zitaten von Marx bis Camus. Kaum zu glauben, dass heute noch solche Filme gemacht werden. Wenig überraschend dagegen, dass man diesen Film im Generation-Programm sehen kann, das jedes Jahr aufs Neue beweist, dass man jungen Leuten anspruchsvolle Filme zeigen kann, die nicht mit dem Etikett „Kinder- oder Jugendfilm“ behaftet sind.

„Sehr viele Filme, die wir auswählen, sind nicht ausschließlich für ein junges Publikum gemacht“, erklärt Maryanne Redpath, die die Sektion seit 2008 leitet und jetzt das 40-jährige Jubiläum von Generation feiert. Ohne Pomp, aber mit insgesamt 62 Lang- und Kurzfilmen aus 41 Produktionsländern in den Wettbewerben Kplus und 14plus. Es sind Filme, die von Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe erzählen, von ihren Lebenswelten, Träumen, Problemen, Sehnsüchten und von Themen, die sie etwas angehen. Und so kann man eben auch den genannten Film über junge Revolutionäre sehen, klassische Kinder- und Familienfilme wie den deutschen Zeichentrick „Häschenschule“, aber auch Filme über eine einsame Kindheit, von der etwa „Shi Tou“ („Stonehead“) aus China erzählt. Nicht immer ist das leichte Kost, aber auch das ist gewollt. Es gehe darum, so Redpath, die Zuschauer herauszufordern, aber nicht zu überfordern. Blickt man zurück auf die Geschichte der Sektion, wird deutlich, dass dies von Beginn an der Anspruch war.

Die Befürchtung, die Kinos könnten leer bleiben, war unbegründet

Im Februar 1978 – die Berlinale fand erstmals im Winter statt – wurde das Programm-Kino für Leute ab sechs aus der Taufe gehoben. Vorausgegangen waren im Jahr zuvor bohrende Fragen von jungen Reportern des SFB-Kinderfunks, die vom damaligen Festivaldirektor Wolf Donner wissen wollten, warum die Berlinale nur Filme für Erwachsene zeige. Kinderfilme auf einem A-Festival? Donner war skeptisch. Doch in Zusammenarbeit mit der Landesbildstelle Berlin stellte die Berlinale nach „künstlerisch-ästhetischen Kriterien“ ein Kinderprogramm mit zehn internationalen Spielfilmen zusammen, darunter auch der tschechische Zeichentrick „Krabat“ von Karel Zeman, der sofort in die Kritik geriet, galt er vielen doch als zu grausam. Die Frage, was ein Kinderfilm sei und was man einem jungen Publikum formal wie inhaltlich zumuten dürfe, gehört seitdem dazu wie die Fanfare vor jedem Wettbewerbsfilm und prägte über die Jahre das Selbstverständnis der Reihe. Die Befürchtung, die Kinosäle könnten leer bleiben, erwies sich 1978 jedenfalls als unbegründet. 12 000 Besucherinnen und Besucher kamen, das Programm wurde fortgeführt.

Kinderfilm mal ganz klassisch: Der deutsche Trickfilm "Die Häschenschule - Jagd nach dem goldenen Ei"
Kinderfilm mal ganz klassisch: Der deutsche Trickfilm "Die Häschenschule - Jagd nach dem goldenen Ei"Foto: Akkord Film

Aus dem Kino für Leute ab sechs wurde zwei Jahre später das Kinderfilmfest, fortan fester Bestandteil der Filmfestspiele, bald auch mit Jurys und eigenen Preisen. In den kommenden Jahren liefen auf dem Kinderfilmfest Spielfilme, die heute als Klassiker gelten – etwa Helmut Dziubas „Sabine Kleist, 7 Jahre“ (1983), Arend Aghtes „Flussfahrt mit Huhn“ (1984) oder John Hays „There’s Only One Jimmy Grimble“ (2000). Filme aus aller Welt, und damit Einblicke in unbekannte Kulturen, die oft von alltäglichen Problemen, realen Konflikten erzählten und jungen Zuschauern ermöglichten, andere Lebensverhältnisse kennenzulernen, das Vertraute im Fremden zu finden und sich selbst damit in Beziehung zu setzen. 2004 wurde das Kinderfilmfest auf Betreiben von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick um das Jugendprogramm 14plus erweitert, denn zuvor waren Filme, die sich an Teenager und junge Erwachsene richteten, außen vor geblieben. Das neue Jugendprogramm, in dem 2005 etwa Bahman Ghobadis „Schildkröten können fliegen“ lief, avancierte schnell zum Geheimtipp und zog junge wie erwachsene Zuschauer an. Die Umbenennung in Generation betonte schließlich das Konzept dieser Sektion: Filme nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern vielmehr über Kinder und Jugendliche. Eine lineare Entwicklung kann die Sektionsleiterin, die seit mehr als 20 Jahren für die Kinder- und Jugendsektion der Berlinale arbeitet, rückblickend nicht erkennen. Jedes Jahr zeige man neue Filme, die gesellschaftliche und politische Entwicklungen spiegeln würden. „Wir sind State of the Art, was Form und Inhalt weltweit betrifft.“

Im letzten Jahr kam "Ottaal" am besten an bei den Kids

Dass das Programm ankommt, zeigen nicht nur Publikumsreaktionen und die Fragebögen, mit denen die Zuschauer ihr persönliches Feedback abgeben können, sondern immer wieder auch die Entscheidungen der Kinder- und Jugendjurys, die in Kplus und 14plus jeweils den Gläsernen Bären für die besten Produktionen vergeben. So zeichnete im vergangenen Jahr die Kplus-Jury den indischen Film „Ottaal“ aus, der von einem Waisenjungen erzählt, der zur Kinderarbeit gezwungen wird. Die 10- bis 14-jährigen Juroren zeigten sich in ihrer Begründung „berührt durch die wunderschöne Natur, die chillige Musik und die ausgezeichneten Schauspieler“, fanden es aber auch „gut und wichtig, dass ein trauriges Thema behandelt wird“.

Was die Sektion nicht will: Heranwachsende zu Kinogängern von morgen machen. Ihr Publikum, sagt Redpath, sind die „Cineasten von heute“. Ein pädagogisches Begleitprogramm gibt es natürlich auch, das Schulprojekt bringt ganze Klassen in die Kinos, doch vor allem geht es darum, gemeinsam mit vielen anderen Leuten einen Film zu sehen. Was das bedeutet, zeigt sich jedes Jahr im Haus der Kulturen der Welt und den anderen Festivalkinos, wenn die ganz jungen Filmfans gebannt dem Leinwandgeschehen folgen, hemmungslos loslachen oder schniefen und nach dem Abspann lautstark applaudieren. Eindrucksvoller kann man nicht erleben, welche Kraft das Kino hat.

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