Berlinale : "Assistance mortelle" - Geschäfte mit der Katastrophe

Tödliche Hilfe für Haiti. Raoul Pecks Dokumentation "Assistance mortelle" wirft die Frage auf: "Wer rettet Haiti vor seinen Rettern?" Die Aufbruchsstimmung nach der Katastrophe ist verflogen.

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Nachdem die Erde wankte. Ein Friedhof mit Opfern des Bebens, das am 12. Januar 2010 um 21.53 Uhr Haiti für immer veränderte.
Nachdem die Erde wankte. Ein Friedhof mit Opfern des Bebens, das am 12. Januar 2010 um 21.53 Uhr Haiti für immer veränderte.Velvet Film

Einmal in diesem furiosen Film heißt es: „60 Jahre Entwicklungspolitik: Manchmal sollte man erkennen, wenn es genug ist. Vor allem genug geheuchelt.“ Port-au-Prince, die Hauptstadt der verarmten karibischen Nation Haiti, wurde am 12. Januar 2010 vom verheerendsten Erdbeben in der Geschichte Amerikas erschüttert. 230 000 Menschen starben, 300 000 wurden verstümmelt, die Häuser von 1,5 Millionen Personen zerstört – sie hausten fortan in Zeltstädten. Und doch herrschte in den ersten Monaten nach der Katastrophe so etwas wie Aufbruchstimmung.

Wer damals mit den Bewohnern von Port-au-Prince sprach, der konnte Hoffnung entdecken. Die internationale Gemeinschaft hatte uneigennützige Hilfe zugesagt, insgesamt sollten elf Milliarden Dollar fließen. Die Hilfe sollte transparent und vernünftig eingesetzt werden. Man wollte die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Ein neues, gerechteres Haiti auf den Trümmern des alten schien möglich zu sein. Man hatte alles: Geld, Technik, Expertise – und ein Gefühl für Dringlichkeit.

Damals reiste auch der Filmemacher Raoul Peck („Lumumba“, „Sometimes in April“) in sein Geburtsland. Er wollte dokumentieren, was nach „Haitis Stunde null“ passierte. Drei Jahre später liegt nun „Assistance mortelle“ vor: ein Dokument, das jeden Zuschauer davon abhalten wird, sein Geld jemals wieder irgendeiner Organisation zu spenden, die damit „den Armen helfen“ will. Natürlich gibt es Bücher („Dead Aid“, „Travesty in Haiti“, „Die Mitleidsindustrie“), die beweisen, wie westliche Hilfe den Helfern zugute kommt; dass sie politisch eingesetzt wird und die Situation, die sie erleichtern soll, oft noch verschlimmert – insbesondere die der Abhängigkeit.

63. Berlinale mit Stars aus aller Welt eröffnet
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Raoul Peck zeigt all dies mit einer Klarheit, argumentativen Stringenz und emotionalen Überzeugungskraft, der man sich nur schwer entziehen kann. Sein Hauptargument: Die Haitianer spielen keine Rolle in der von Milliarden Dollars angetriebenen Hilfsmaschinerie. Sie werden sogar als störend empfunden. Niemals wird man ihnen Geld geben, damit sie selbst entscheiden können. Stattdessen wird es in Hilfsagenturen und NGOs gepumpt, und ausländische Helfer, die glauben, alles besser zu können, machen am Ende desillusioniert Platz für die nächste Generation von Helfern. Gute Hilfe macht sich überflüssig, schlechte aber reproduziert sich.

Einer der Fäden, die Peck auslegt, um sie in anderthalb Stunden zusammenzuführen, gehört Joséus Nader. Er ist der oberste öffentliche Ingenieur von Port-au-Prince, verantwortlich für die Straßen und Kanäle der Millionenstadt. Aber ihm stehen weniger als 100 Angestellte und nur ein paar Bagger zu Verfügung. In einer Szene sieht man, wie einer seiner Männer barfuß einen verschlammten Gulli mit einer Mistgabel aushebt. Gleichzeitig reinigen an anderer Stelle vier gut ausgestattete NGOs ein und denselben Kanal – und zwar mehrfach. Keine von ihnen würde Nader jemals beim Aufbau seiner Behörde helfen. Das Argument lautet: Die haitianischen Eliten sind korrupt. Doch man verschweigt, wie viel Geld bei den Hilfsorganisationen selbst unterschlagen, zweckentfremdet und verdient wird.

Als Haitis Regierung von den 20 größten Organisationen im Land einen Rechenschaftsbericht forderte, erhielt sie keine fünf Antworten. Nicht ohne Grund wird Haiti als erster NGO-Staat der Welt bezeichnet. Raoul Peck zeigt: Gerade deswegen ist er so arm. Als drängendstes Problem nach dem Erdbeben identifiziert Peck die Beseitigung von Trümmern. Dafür ist so gut wie kein Geld vorhanden. Die Agenda von Hilfsorganisationen richtet sich nach Fotomotiven. Journalisten arbeiten ihnen zu, die sich einladen lassen und das Material für ihre Geschichten von ihnen beziehen. Ein Klima des Mitleids und der Bemutterung entsteht: der Haitianer, das hilflose Kind, dem die weiße Ärztin das Fläschchen reicht. Welche Verdrehung.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Peck kritisiert nicht die Helfer, meist engagierte und intelligente Profis. Es sind die absurden Strukturen, in denen sie gefangen sind. „Nach zwei Jahren in deinem Land versuche ich immer noch, zu verstehen, was passiert ist. Ich finde keine kohärente Antwort. Ich kann mir nicht erklären, warum das Leben trotz der Milliarden von Dollars, die in diese kleine karibische Insel gepumpt wurden, immer noch eine so unerträgliche Last ist.“ Peck hat einen radikal poetischen Text über seine Bilder gelegt. Es ist sein Dialog mit einer anonymen Helferin, die sich nun betrogen fühlt.

Um die Milliardenhilfen zu verwalten, gründete man eine Interimskommission. Ihre Vorsitzenden: der haitianische Premierminister und Bill Clinton. Die Szenen, die Raoul Peck aus dem Innenleben dieser gescheiterten Kommission gesammelt hat, sind komisch bis erschütternd. Wie die 13 haitianischen Mitglieder eine Erklärung verlesen, weil sie bei Entscheidungen systematisch übergangen werden; oder wie über Bill Clintons Phrasendrescherei gespottet wird: „Wiederaufbau: Der Film“. Es gehört zu Pecks Schwächen, dass er nicht auch auf die erklärte Strategie des US-Außenministeriums unter Hillary Clinton eingeht, Haiti in ein Billiglohnland für die US-Textilindustrie zu verwandeln, während die Agrarwirtschaft systematisch durch sogenannte „Lebensmittelhilfe“ der Hilfsagentur US-Aid zerstört wird.

Er braucht eine Weile, bis Peck sein Thema gefunden hat: die Umsiedlung von Zehntausenden auf eine Brache 17 Kilometer vor Port-au-Prince. Doch wo ein neues Stadtviertel gebaut werden soll, droht der größte Slum Haitis zu entstehen. Die neuen Behausungen, das Stück 2000 bis 3000 Dollar, sind eine Beleidigung für die, die darin leben sollen. Jede haitianische Familien hätte mit dem gleichen Geld ein anständigeres Haus bauen können. „Wer rettet Haiti vor seinen Rettern?“, fragt Raoul Peck.

9.2., 14.45 Uhr (HdBF), 10.2., 18 Uhr (Cubix 8)

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