Berlinale-Ausstellung in der Akademie der Künste : Tür auf, Tür zu

Das Forum Expanded zieht in die Akademie der Künste. Und präsentiert zu seinem zehnjährigen Jubiläum eine Gruppenausstellung, die dem Begriff der Kinokunst würdig ist.

Mattes Lammert
Mann ohne Eigenschaften. Der Künstler und Filmer Ho Tzu Nyen zeigt im Forum Expanded „The Namelesss“ (2014). Foto: Ho Tzu Nyen
Mann ohne Eigenschaften. Der Künstler und Filmer Ho Tzu Nyen zeigt im Forum Expanded „The Namelesss“ (2014). Foto: Ho Tzu Nyen

Zwei Räume, in denen ein und derselbe Film läuft – mit einem kleinen, feinen Unterschied: Ein Mal auf Chinesisch, das andere Mal auf Vietnamesisch. Schon die Art der Präsentation von „The Nameless“ des singapurianischen Künstlers Ho Tzu Nyen verweist auf die multiple Persönlichkeit von Lai Teck, der von 1939 bis 1947 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Malaysias war. Sein bekanntester Name ist nur eines von über 50 Pseudonymen, auf das der Parteifunktionär in seinem abenteuerlichen Leben hörte, das nach seiner Enttarnung als Dreifachagent für die Briten, Franzosen und Japaner ein jähes Ende nahm. Durch den Zusammenschnitt verschiedener Filme des Hongkonger Stars Tony Leung Chiu-Wai, der ebenfalls dafür bekannt ist, immer wieder in vollkommen neue Rollen zu schlüpfen, verleiht Ho Tzu Nyen diesem Mann, dessen echten Namen bis heute niemand kennt, zumindest ein Gesicht. Eigentlich sollte die Arbeit schon auf der Shanghai Biennale gezeigt werden, doch da der Schauspieler die „Occupy Central“-Proteste unterstützte, wurde der Film kurzerhand ein Opfer der chinesischen Zensur. In der Gruppenausstellung des Forum Expanded in der Akademie der Künste am Hanseatenweg ist sie dafür nun gleich doppelt zu sehen.

Wiederbelebung eines historischen Spielortes

Rechtzeitig zum zehnten Jubiläum hat das Forum Expanded der Berlinale hier eine neue Heimat gefunden. Nachdem in letzten Jahren die Filmvorführungen, Veranstaltungen und Performances meistens auf mehrere Orte verteilt waren, findet dieses Jahr das komplette Programm in der Akademie der Künste statt. Begleitet wird es von einer großartigen Gruppenausstellung, die dem Begriff der Kinokunst würdig ist. Und so erweist sich die Wiederbelebung dieses historischen Spielorts, der bis 1999 fester Bestandteil des Filmfestivals war, als großes Glück für die Berlinale.

Seit seiner Gründung war es immer Anspruch der Forum Expanded als Erweiterung des Forum den Diskurs über das Kino auch in andere bildende Künste hineinzutragen. Vom diesem Verständnis des Mediums Film zeugt auch die diesjährige Ausstellung mit 19 Film- und Videoinstallation, die wie das Filmprogramm unter dem Titel „To the Sound of the Closing Door“ läuft. Eine Leerstelle für Assoziation rund um die Tür. Ausgangspunkt ist ein Zitat von Jean Luc-Godard: „Ich dachte damals, die Nouvelle Vague ist ein Anfang und alles würde so weiterlaufen. Jetzt denke ich, es war eine zufallende Tür.“ Die darin enthaltende Doppeldeutigkeit hat den Kuratoren als Ansporn gedient, um zu beweisen, dass mit jeder Tür, die zugeht, eine andere aufgeht.

Die Tür als Metapher

Wohl am treffendsten ist der Titel für die Installation „Concert C with Door“ im Eingang der Ausstellung, die eine mehrmonatige Performance über die Korrelation von Ton und Raum dokumentiert. Der Konzeptkünstler David Askevold hatte 1971 eine Stimmgabel an einer Tür befestigt, die in regelmäßigen Intervallen geöffnet und geschlossen wurde. Die dabei produzierten Töne nahm er auf und montierte sie später zu den Aufnahmen der Tür. Um eine gescheiterte städtebauliche Utopie geht es in Wendelien van Oldenborghs filmischen Experiment „Beauty and the Right to the Ugly“, das abwechselnd auf drei Leinwänden gezeigt wird. Der Entwurf des Architekten Frank van Klingeren sah für das 1974 fertig gestellte Gemeindezentrum Het Karregat im niederländischen Eindhoven einen einzigen großen offenen Raum ohne Türen vor, in dem alle öffentliche Einrichtungen – eine Schule, ein Gesundheitszentrum und eine Bücherei – ihren Platz finden sollten. Doch kaum zwei Jahre nach der Eröffnung wurden der riesige Raum schon durch Trennwände aufgeteilt, was zwar einem Scheitern der architektonischen Utopie des gemeinschaftlichen Lebens unter einem großen Dach gleichkam, aber auch zur Grundlage für diese filmische Reflexion wurde.

Auch Constanze Ruhm und Emilien Awada begeben sich mit ihrer Arbeit auf die Spuren eines Ortes, an dem Visionen verwirklicht wurden. In den 1913 gegründeten Filmstudio von Saint-Maurice in der Nähe von Paris, das eine Zeitlang auch der amerikanischen Produktionsgesellschaft Paramount gehörte, drehten fast alle Großen des französischen Kinos von Jean Cocteau über Henri Verneuil bis hin zu Luis Buñuel. 1971 fiel es einem Großbrand zum Opfer und heute befindet sich an dieser Stelle nur noch die Wohnanlage Le Panoramis, deren Einwohner regelmäßig von paranormalen Erfahrung berichten. Ihre Suche nach den Gespenstern der Vergangenheit haben die beiden Künstlerinnen durch eine Mischinstallation von Film- und Archivmaterialien materialisiert.

Hommage an Harun Farocki

Eine ganz wunderbare filmgeschichtliche Hommage ist auch die Montage „Wie soll man das nennen, was ich vermissen“. Diesen Titel eines Text des kürzlich verstorbene Filmemachers Harun Farocki haben seine beiden engsten Mitarbeiter Antje Ehmann und Jan Ralske als Anlass genommen sein Werk für diese Ausstellung nach Tür-Szenen im weitesten Sinne zu durchforsten. Obwohl nur auf zwei kleinen Bildschirmen gezeigt, zählt diese Arbeit zu den Berührendsten in einer Ausstellung, der es gut getan hätte, sich auf weniger Werke zu konzentrieren. Denn so kämpfen einige der Videoinstallation nicht nur durch ihre Geräuschkulisse gegeneinander an, sondern nehmen sich gegenseitig auch den Raum, den sie bräuchten, um ihre Wirkung zu entfalten.

Trotz seines Ehrenplatzes in einem separaten Raum enttäuscht hingegen die Installation „Taut“ von Michael Snow. Seine Projektion von Nachrichtenfotografien in einen Klassenraum mit weißen Stühlen, Tischen und einer Tafel, verleiht den Aufnahmen zwar einen dreidimensionalen Effekt, doch mehr als ein visuelles Spielchen ist das kaum. Diese Ernüchterung mag zum einen aus den großen Erwartungen resultieren, die ein Künstler seines Kalibers weckt – zum anderen aber auch auf den hohen Qualitäten der übrigen Arbeiten.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 16.2., täglich 11-21 Uhr, Eintritt frei.

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