Kultur : Berlinale, die achte

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Harald Martenstein über

unschöne Trinkgewohnheiten

Gestern habe ich Powerwalking gemacht, zusammen mit Knut Elstermann. Das ist einer der bekanntesten Berliner Filmkritiker. Knut Elstermann sah aus, als ob er gerade mithilfe von drei Schachteln Marlboro und zwei Flaschen Eckes Edelkirsch die Weltmeisterschaften im Dauermoderieren gewonnen hätte und anschließend mit Bleigewichten an den Füßen durch den Gelben Fluss geschwommen wäre. Ich sah übrigens genauso aus. Wir rannten schweigend in Richtung Festivalpalast. Das ist ein interessantes Naturphänomen: Egal, wann man zu Hause aufbricht, man kommt erst in allerletzter Sekunde zum Morgenfilm. Wenn du total hektisch um 8 Uhr 40 aufbrichst, dauert der Weg 19 Minuten und 59 Sekunden. Wenn du in aller Ruhe schon um 8 Uhr 20 gehst, dauert es genau 39 Minuten und 59 Sekunden.

Dann rannte Knut Elstermann mit rasselndem Atem nach links, und ich rannte hustend nach rechts. Der Film fing an, ein typischer 9Uhr-Film der 53. Berlinale. Eine Frau stürzte sich aus Verzweiflung von einem Felsen, ein Baby starb, eine Familie erstickte. Männer mit Gewichtsproblemen, Krebs, schlechter Haut und fettigen Haaren kratzten sich im Schritt, furzten und tranken abwechselnd Bier und Urin. Dass wir uns nicht missverstehen – der Film war ziemlich gut. Es ist nur so. Wenn du aus dem Bett hechtest, auf nüchternen Magen Powerwalking machst und danach einen Urintrinkerfilm siehst, hast du es echt schwer, in den Tag mit positiven Vibrationen reinzukommen. Mehr will ich gar nicht gesagt haben.

Was ist überhaupt Kino? Es gibt dazu eine berühmte Definition von François Truffaut. Sie lautet, wenn ich mich recht erinnere: „Kino ist, wenn unschöne Männer unschöne Dinge tun.“

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