Berlinale : Martenstein die Vierte

Harald Martenstein tröstet Doris Dörrie.

Harald Martenstein HP Kontur

Wenn man jeden Tag eine Kolumne zu schreiben hat, kann sie nicht jeden Tag gleich gut sein. Usain Bolt rennt auch nicht jeden Tag gleich schnell. Das Gleiche gilt für Regisseure, ich kenne fast keinen Regisseur, der immer nur gleich gute Filme gemacht hat. Und was ist überhaupt ein „guter Film“? Die Berlinale-Jury wurde dies bei ihrer Pressekonferenz gefragt, sie hat bei der Antwort ziemlich herumgeeiert. Werner Herzog meinte, bei einem guten Film müsse „Wahrheit durchschimmern“.

Doris Dörrie, eine der erfolgreichsten deutschen Regisseurinnen, hat vor ein paar Tagen in einem Interview gesagt, die deutsche Filmkritik habe „ihren Servicecharakter komplett verloren“. Sie wolle, wie Til Schweiger, ihre Filme nicht mehr vorab der Presse zeigen, man werde „sowieso immer verrissen“, ihre eigenen Filme seien „zu erfolgreich“, um von den Kritikern intellektuell akzeptiert zu werden. Da sind mir die Filme „Liebesgrüße aus der Lederhose“ (1973, Regie: Franz Marischka) und „Die Wirtin von der Lahn“ (1968, Franz Antel) eingefallen. Beide Filme gehörten zu den erfolgreichsten des Jahres, beide hatten mehr als drei Millionen Zuschauer, sechs Fortsetzungen und beide haben die Goldene Leinwand gewonnen. Trotzdem wurden sie natürlich beide, wegen ihres Erfolges, von den Kritikern intellektuell nicht akzeptiert. Es gibt aber, dies Doris Dörrie zum Trost, so etwas wie historische Gerechtigkeit. In der neuesten Ausgabe des „Heyne Filmlexikons“ steht über den Marischkafilm, wörtlich: „Bayrische Buam bumsen brünstige Blondinen. Ein intellektuelles Vergnügen.“

Es gab damals auch, wie heute bei Til Schweiger und demnächst bei Doris Dörrie, keine Pressevorführung, weil auch schon Antel und Marischka dem Servicecharakter der Presse misstraut haben. Das weiß ich deswegen so genau, weil ich, als gerade erst angeheuerter freier Mitarbeiter einer kleinen Lokalzeitung, die erste Filmkritik meines Lebens über „Liebesgrüße aus der Lederhose“ schreiben musste. Und ich habe ihn, als einziger deutscher Kritiker, nicht verrissen! Verrisse waren bei der kleinen Zeitung verboten, ich brauchte das Geld. Deshalb bin ich der richtige Mann, um mir jetzt sofort Doris Dörries neuen Film „Die Friseuse“ anzuschauen. Morgen berichte ich, vielleicht wird dabei Wahrheit durchschimmern.

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