Berlinale: Native - A Journey into Indigenous Cinema : Eigener Blick

Die Berlinale-Reihe NATIVE zeigt indigenes Kino aus Südamerika. Die Filme trauen sich eigene Sichtweisen auf ihre Kultur, wie sie bislang zu selten zu sehen waren.

Julia Dettke
„As Hiper Mulheres“ zeigt weibliche Tanz- und Gesangsrituale des Kuikuro-Volkes.
„As Hiper Mulheres“ zeigt weibliche Tanz- und Gesangsrituale des Kuikuro-Volkes.Foto: Takumã Kuikuro/Berlinale

Die Vereinten Nationen haben 2007 in ihrer Resolution zu den Rechten indigener Völker deren Recht auf Anderssein festgeschrieben. Und ebendies spiegelt sich in der Sonderreihe Native – A Journey into Indigenous Cinema. „Indigene sind hier nicht exotische Kulisse, sondern stehen als Menschen im Zentrum“, bekräftigt Maryanne Redpath, die Leiterin der Reihe, im Gespräch. Den eigenen Schwerpunkt will sie als Ergänzung zum Programm verstanden wissen, keinesfalls als Alternative zur Präsenz indigener Filme im gesamten Programm. So sind auch zwei im Wettbewerb vertreten: „Ixcanul“ aus Guatemala und der Dokumentarfilm „El boton de nacar“ aus Chile. Und auch der Eröffnungsfilm „Nobody wants the Night“ verhandelt das Thema am Beispiel der Inuit mit, wobei die Perspektive stets die der Amerikaner bleibt, die verwundert auf die ihnen unbekannte Lebensweise schauen.

Aus Südamerika kommen nach dem Start der Reihe vor zwei Jahren mit dem regionalen Schwerpunkt Ozeanien-Australien-Nordamerika diesmal sämtliche Native-Filme. Besonders spannend: In den 18 Beiträgen wird immer wieder auch die Rolle des filmischen Mediums hinterfragt. Lange vor allem als kolonialistisch-ethnografisches Machtinstrument verwendet, nehmen Indigene die Kamera nun häufiger selbst in die Hand.

Adalbert Heide zeigte den Umgang mit der Kamera

Exemplarisch wird der Unterschied zwischen fremdem und eigenem Blick auf die indigene Kultur in der mehrfach ausgezeichneten brasilianischen Dokumentation „O Mestre e o Divino“ verhandelt. Er erzählt von der Freundschaft zwischen dem deutschen Missionar und Filmemacher Adalbert Heide, der Ende der fünfziger Jahre Kontakt zum Volk der Xavante aufnahm, und Divino, der damals den Umgang mit der Kamera von ihm lernte. In humorvoller Konkurrenz und respektvoller Zuneigung dokumentieren inzwischen beide, Master und Divino, noch immer regelmäßig das Leben der Xavante. „O Mestre e o Divino“ richtet einen kritischen Blick auf das Selbstverständnis des Missionars und unterläuft damit die Deutungshoheit des „weißen Entdeckers“.

Im zweiten Dokumentarfilm aus Brasilien, „As Hiper Mulheres“, steht ein weibliches Tanz- und Gesangsritual des Kuikuro-Volkes im Zentrum. Für ein Festival soll die Präsentation des Jamurikumálu eingeübt werden. Doch die Einzige, die noch alle Texte kennt, ist ausgerechnet jetzt erkrankt. Humorvoll und fesselnd gibt das dreiköpfige Regieteam einen Einblick in die traditionelle Aufführungspraxis, die intensive Kommunikation und den beinahe feministisch anmutenden offenen Umgang mit der weiblichen Sexualität der Kuikuro.

Meditative Erzählung vom Leben in den Anden

Der Konflikt zwischen der Bewahrung des traditionellen Eigenen und der Öffnung nach außen steht im Zentrum zweier berührender Spielfilme. „Las Niñas Quispe“ spielt in der chilenischen Atacamawüste zu Zeiten der Pinochet- Diktatur. Dort leben die drei Quispe- Schwestern, die den Tod der vierten im Bunde betrauern. Vor allem aber machen ihnen die Veränderungen in ihrer Umgebung Sorgen: Immer wieder patrouillieren Soldaten, viele Indigene ziehen weg. Auch die drei Schwestern müssen sich entscheiden. Das Werk basiert auf einer wahren Geschichte und ist eine fast meditative Erzählung vom Leben in den Anden, mit atemberaubenden Bildern.

„Lo que lleva el río“ ist der erste venezolanische Spielfilm in Warao-Sprache. Er erzählt von Dauna (Yordana Medrano), die mit ihrer Familie im Orinocodelta aufwächst, sich aber auch früh für die Bildung durch die Missionare interessiert. Eigenwillig schon als Kind setzt sie durch, zu Hause unterrichtet zu werden, um in der gewohnten Umgebung am Fluss bleiben zu können. Später muss sie sich als Wissenschaftlerin immer wieder zwischen ihren Traditionen und den Möglichkeiten der Moderne entscheiden. „Lo que lleva el río“, das eine herausragende Hauptdarstellerin aufbietet, ist ein guter Einstieg in die Lebenswelt bedrohter Völker.

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