Berlinale : Schlamm und Schlamassel

Wenn zwei sich streiten: Argentinische Beziehungsdramen im PANORAMA und FORUM werfen ein deprimierendes Licht auf das Lebensgefühl der Generation.

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Frisch verlassen: Martin in "Mar" von Dominga Sotomayor.
Frisch verlassen: Martin in "Mar" von Dominga Sotomayor.Foto: Lisandro Rodriguez/Berlinale

24 Stunden im Leben eines Paars in Buenos Aires: Nach einem Sexgeplänkel mit ihrem Freund Marcelo, das in eine handfeste Rauferei übergeht, einem geplatzten Wohnungskauf-Termin und derben Scherzen der Kollegen steht Lucia im Restaurant und hustet Blut. Ob sie unter Stress stehe, fragt ihr Arzt. „Nein“, sagt sie und guckt verbissen. Aber dann enthüllt sie zögernd, mit unbewegter Miene ihre Beziehungsgeschichte, wobei eine starre Kamera die ungläubige Perspektive des Arztes übernimmt, der, völlig überfordert, Vitamine, Wasser und Schlaf verordnet.

Lucia wirkt robust wie eine Schwimmerin: breites Kreuz, kräftiger Körper – eine energische, realitätstüchtige Frau, die sich angesichts des geplanten Wohnungskaufs plötzlich überlegt, ob der schöne, ein wenig labile Marcelo der Richtige ist für dieses Unternehmen. „Sie lächelt nicht ständig wie andere Frauen“, beschreibt der seine Faszination. Aber sie bringt ihn auch zur Weißglut, so sehr, dass er manchmal rabiat wird, wenn sie sich ihm entzieht. Und dann ist da noch das viele für die Wohnung zurückgelegte Geld, das sich, befreit aus dem Schließfach, plötzlich aufhäuft. Wem gehört es, wer darf darüber verfügen, und wozu ist es überhaupt da? – das sind die Fragen, die sich das Paar plötzlich stellt, und auch: Gibt es noch einen Weg zurück? „El Incendio“ bleibt die Antwort schuldig.

Ohnmacht als Lebensgefühl

Mit einer ähnlichen Frage schlagen sich auch Martin und Eli in „Mar“ herum. Sie sind aus Buenos Aires in einen Badeort gefahren, um Ferien zu machen: Schlichter Bungalow, vertrockneter Rasen, winziger Pool, ein paar Plastikstühle. Eli langweilt sich, aber ihr Versuch zurückzufahren, scheitert: Es gibt keine Plätze im Bus. Martin stürzt sich immer wieder in die Wellen, will aber unbedingt, dass ihm jemand zuschaut. Eli hat keine Lust, aber dann kommt seine Mutter überraschend dazu, und die guckt. Immer wieder sieht man das, was Martin unter Wasser sähe, hätte er die Augen offen: wirbelnder Sand, gurgelndes Wasser, schlammiger Meeresboden. „Mar“, so wird Martin genannt, der apathisch hinnimmt, dass Eli ihn offenbar verlassen hat, auch wenn sie vorerst körperlich noch anwesend ist. Ohnmacht scheint das Haupt-Lebensgefühl junger Paare in Argentinien zu sein – aber vielleicht nicht nur dort.

„El Incendio“: 6.2., 22.30 Uhr (Cinemaxx 7); 7.2., 20.15 Uhr (Cinestar 3); 8.2., 23 Uhr (Cubix 7+8); 13.2., 19 Uhr (Zoo-Palast 1); „Mar“: 6.2., 22 Uhr (Zoo-Palast 2); 7.2., 19.30 Uhr (Cinemaxx 4), 20 Uhr (HAU 1); 9.2., 19 Uhr (Cinestar 8); 15.2., 22.15 Uhr (Cubix 9)

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