Berlinale Special : Verliebt bleiben

"Auge in Auge" wirft einen zärtlichen Blick aufs deutsche Kino.

Jan Schulz-Ojala
Auge um Auge
Wer schwärmt, lebt. Michael Althen (rechts) befragt Dominik Graf. -Foto: Promo

Ein kleiner Film. Einer, der mit leiser Stimme und auf leisen Sohlen in dieses Festival spaziert. Und einer, der seine Zuschauer erobert, indem er ihren Sinn und ihre Sinnlichkeit weckt für ein eigentlich amorphes Thema – das deutsche Kino quer durch die Jahrzehnte und seine demokratischen und zeitweise auch diktatorischen Welten. Und einer, der in 99 schlanken Minuten doch alles Allgemeine mühelos auflöst im Besonderen und dadurch erst erkennbar macht.

Der einstige Chef der Stiftung Deutsche Kinemathek, Hans Helmut Prinzler, und der Filmjournalist Michael Althen sind „Auge in Auge“, so heißt das kinematografische Juwel, an das ungeheure Bildermaterial herangegangen und haben es – ja, man muss sagen – zärtlich sortiert. Sie legen die in Filmen bewegten Ansichtskarten des Landes ebenso nebeneinander wie lustige und schmerzhafte Szenen am Telefon, sie gucken staunend (und sanft rühmend) zu, wie heftig einst geraucht wurde in deutschen Filmen, sie berauschen sich schamlos an Filmküssen und schauen ein paar Gedanken weiter wiederum aufmerksam und diskret auf die Augen von Männern und Frauen. Und, vor allem, sie lassen zehn deutsche Filmkünstler von ihren deutschen Lieblingsfilmen erzählen.

Und wie die schwärmen! Und loben. Und würdigen. Und sich auch mal gruseln. Und analysieren und ergründen, persönlich, fast privat und manchmal wie losgelassen ins Nahe und Freie. Tom Tykwer zum Beispiel erinnert sich so schaudernd an sein spätkindliches Grauen über „Nosferatu“, dass zu den Bildern die Gänsehaut wie von selbst entsteht; Doris Dörrie hat Wenders’ „Alice in den Städten“ gebraucht, um nach ihrer Rückkehr aus der Fremde sich wieder im fremden Deutschland zurechtzufinden. Und Christian Petzold und Andreas Dresen erinnern in wenigen Sätzen und Szenen so lebendig an Helmut Käutners „Unter den Brücken“ und Konrad Wolfs „Solo Sunny“, dass man sich beide Filme dringlichst auf die nächstbeste Leinwand wünscht.

Ein allseits verliebtes Werk ist dieses „Auge in Auge“, manchmal vielleicht ein bisschen zu detailverliebt. Aber darf man Verliebten dreinreden, zumal wenn sie einen zwischenzeitlich selber zum Schwärmen verführen?

9. Februar, 21.30 Uhr (Filmpalast)

17. Februar, 18 Uhr (Cubix)

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