Berlinale : Weniger ist mehr

Ansichten eines Produzenten: Warum Filme Festivals brauchen.

Karl Baumgartner
Cvitesic
Von Karl Baumgartner koproduziert: "Na Putu" mit Zrinka Cvitesic -Foto: Berlinale

Alle nennen ihn Baumi: Karl Baumgartner, Jahrgang 1949, gehört zu Deutschlands wichtigsten unabhängigen Filmproduzenten. Zudem verleiht er seit 30 Jahren Filme von Jim Jarmusch, Tarkowski, Jane Campion, Aki Kaurismäki, er produzierte „Underground“ von Emir Kusturica, deutsche und internationale Autorenfilme. Auf der Berlinale ist er unter anderem mit Jasmila Zbanics Wettbewerbsbeitrag „Na Putu“ vertreten, außerdem war er Mitglied der Jury für die Shooting Stars. (Tsp)





Kein anderes internationales Festival zeigt mehr Filme als die Berlinale; hier ist eine Vorführung ein Testlauf, bei dem der Produzent sehen kann, wie ein deutscher Film bei deutschen Zuschauern oder ein asiatischer Film beim europäischen Publikum ankommt. Für einen Regisseur ist der Produzent das erste Publikum, für den Produzenten sind das die Festivalzuschauer.

In den Kinosälen der Berlinale fangen die Filme an zu leben. Wenn der Funke überspringt, kann das der Anfang einer wunderbaren Verwertungskette sein. Vom Festivalzuschauer überträgt er sich auf die Einkäufer, den Verleiher, den Kinobetreiber – und zuletzt auf den Zuschauer. Das haben wir vor zwei Jahren in Berlin mit „Irina Palm“ erlebt.

Das Gegenteil kann auch der Fall sein. 2001 lief im Wettbewerb der Berlinale „My Sweet Home“, als einziger deutscher Beitrag der von uns koproduzierte Erstlingsfilm des Dffb-Absolventen Filipos Tsitos, mit Nadja Uhl in der Hauptrolle. Die Kritik hat ihn verrissen, wahrscheinlich aus Frust über Berlinale-Chef Moritz de Hadeln oder über die Abwesenheit anderer deutscher Filme, was auch immer. Es war ein guter Film. Im Kino hatte „My Sweet Home“ danach keine Chance mehr.

Inzwischen hat die Berlinale ein strukturelles Problem. Sie zeigt so viele Filme, dass sie einander die Aufmerksamkeit stehlen. Die großen Festivals, Cannes und Berlin mit ihren Märkten, sind immer attraktiver geworden, ziehen wie ein Magnet alle Filme an. Für die kleineren, Rotterdam, Locarno, San Sebastian oder Karlovy Vary, die sich ihre familiäre Atmosphäre bewahrt haben, bleiben kaum relevante Weltpremieren übrig. Sie riskieren, bloß noch Testlauf für die nationale Auswertung von Produktionen zu sein, die vorher in Cannes, Berlin oder Venedig uraufgeführt wurden. Wer zu Festivals fährt, um Entdeckungen zu machen, für den lohnen sich die kleineren immer weniger, weshalb die Einkäufer, die Weltvertriebe und die Journalisten sich immer mehr auf Cannes und Berlin konzentrieren.

Das schadet nicht nur den Festivals, sondern vor allem den Filmen. Denn gerade die kleineren eignen sich oft wunderbar als Startrampe. Als 2003 keines der drei großen Festivals unsere Produktion „Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling“, Kim Ki Duks Zen-Melodram, zeigen wollte, entschieden wir uns zur Uraufführung in Locarno. Dort war er das Highlight und lief dank seines guten Rufs dann gut im Kino, nicht nur in Deutschland.

Wie sehr sich das Geschäft mit dem Autorenfilm verändert hat, begreift man erst, wenn man zurückblickt. Als wir Mitte der Siebziger anfingen, Autorenfilme ins Kino zu bringen, spielte die Frage nach der Zuschauerzahl keine große Rolle. Wenn der Film uns gefiel, war es egal, ob er 10 000, 40 000 oder 80 000 Zuschauer machte. Es lohnte sich ohnehin, weil sich eine gute Infrastruktur der Programmkinos etabliert hatte, und die Dritten Programme kauften internationale Autorenfilme. Außerdem hatte die 68er-Generation großen Nachholbedarf, einen regelrechten Hunger nach Bildern.

Auf meine allererste Berlinale bin ich Mitte der Sechziger mit 16 oder 17 gefahren, ich kam aus Südtirol, und es war das Schlaraffenland. Das Festival zahlte die Unterkunft, Reise- und Tagegeld. Ich hatte mir von der Zeitung „Dolomiten“, der größten Tageszeitung der Region, einen Brief geben lassen, dass ich deren Filmkritiker sei. Mit diesem Brief bin ich drei Jahre lang auf viele Festivals gefahren – ohne je ein Wort zu schreiben. Ob Venedig, Mannheim, Pesaro oder Rotterdam: Überall herrschte Aufbruchsstimmung. Man fuhr auf die Festivals, schaute einen Film nach dem anderen, und diskutierte die Nächte durch. Kino war Kunst. Der Markt, das waren wir selber. Die Nachfrage war da, weil wir da waren.

Heute muss man die Nachfrage erst einmal schaffen. Aufmerksamkeit generieren, das ist viel schwieriger als früher, nicht nur wegen der Überzahl der wöchentlichen Filmstarts. Die Zeiten, in denen es in Frankreich genügte, gute Kritiken aus Cannes oder Berlin mitzubringen, um auf immerhin 80 000 Zuschauer zu kommen, sie sind vorbei. Da hilft nicht einmal unbedingt die Palme oder der Bär.

Dennoch bleibt es die wichtigste Aufgabe der Festivals, Aufmerksamkeit für Filme herzustellen. Beim Publikum, bei der Kritik, bei den Verleihern und den Einkäufern der Fernsehsender, die nur noch wenige Arthouse-Filme zeigen. Aber wie kann ein Debütfilm in einer der Nebenreihen der Berlinale überhaupt auffallen, unter so vielen Beiträgen ?

Auf der Berlinale, diesem Publikumsfestival, bei dem jede Vorführung voll ist, wäre es widersinnig, die Anzahl der Vorführungen zu reduzieren. Deshalb sollte das Festival weniger Filme zeigen, diese aber öfter. Das würde die Qualität heben, es können genauso viele Vorführungen vor genauso vielen Zuschauern stattfinden und man hätte nicht mehr das Gefühl, das Beste immer zu verpassen. Obendrein lässt man den kleineren Festivals die Chance, dass man auch dort noch Entdeckungen machen kann und dass sie als Startrampen taugen.

Um das Kino selbst muss man sich keine Sorgen machen. 2009 gab es Zuschauerzuwächse in den USA, in Frankreich und Deutschland; wegen der Uraufführungen, des Glamours und der Preise finden auch die Festivals künftig ihr Publikum, selbst wenn in zehn Jahren wahrscheinlich nur noch Cannes und Berlin eine internationale Bedeutung haben werden. Die Auswertung danach wird sich allerdings dramatisch verändern. Was jetzt noch nacheinander abläuft, wird bald gleichzeitig stattfinden: Die Filme kommen simultan ins Kino und ins Fernsehen und stehen als Pay-Per-View im Netz. Oder es gibt einen reinen DVD-Start, die Verwertung wird immer differenzierter. Und jede Verwertungsform hat ihr eigenes Publikum.

Heute kommen die Filme zu mir, früher sind wir zu den Filmen gereist. Es gibt keinen Grund, das zu beklagen. Aber etwas wehmütig wird man schon bei der Erinnerung an die Zeit, als wir nach Mannheim fuhren und dort den allerersten Film von Jim Jarmusch entdeckten.

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