Berlinale - Wettbewerb : Das Gewicht der Welt

Eine Entdeckung und eine Erschütterung: Der Film "Ballast" von Lance Hammer spielt in den Sümpfen des Mississipi und stellt drei Schwarze in den Mittelpunkt, die sich durch' s Leben schlagen. Das kleine Juwel beendet den Wettbewerb.

Christiane Peitz
Ballast
Freuen sich, dabei zu sein: Schauspieler Tarra Riggs und Michael J. Smith SR. aus "Ballast". -Foto: dpa

Eigentlich riecht es nach Eigenwerbung, wenn die Berlinale gleich zwei Filme von früheren Teilnehmern des Festival-eigenen Talent Campus in den Wettbewerb hievt. Aber nun, nach Fernando Eimbckes mexikanischer Elegie „Lake Tahoe“ und nach Lance Hammers Sozialdrama „Ballast“ zum Abschluss des Wettbewerbs, ist dieser Verdacht Lügen gestraft. Eimbcke und Hammer: zwei Überraschungen dieses Jahrgangs, zwei Entdeckungen, zwei Erschütterungen.

Es ist noch nicht lange her, da waren solche stillen Kino-Kleinode ohne Stars und vordergründigen Schauwert nur in den Nebenreihen zu sehen. Die refrainartig wiederkehrende Klage darüber, dass Aki Kaurismäkis wettbewerbstaugliche Werke nur im Forum laufen, gehörte zur Berlinale wie der Festivaltrailer. Tempi passati. Und die Rechnung, das laute gemeinsam mit dem leisen Kino ins Bärenrennen zu schicken, geht auf, wenn ein verhaltener, mit Laien gedrehter, ohne auch nur ein Fitzelchen Soundtrack oder sonstiges Brimborium auskommender Film wie „Ballast“ genauso eindrücklich die Kehrseite des American Dream erhellt wie „There Will Be Blood“. Nichts gegen Paul Thomas Andersons Kino der Überwältigung. Wucht, Action, Glamour – all das ist essentiell für das Kino. Aber es gibt auch die Überwältigung durch das Krude, Rohe, Unverstellte.

Die Sümpfe im Mississippi-Delta. Verschlammte Äcker, grauer Himmel, schwarze Vogelschwarmwolken, Dauerregen. Ein durchweichtes Grundstück mit zwei Kunststoffrehen und zwei Holzhäusern darauf. Ein Ort, so klamm, dass einen noch im Kino fröstelt. Hier lebt Lawrence, ein Schwarzer, ein Hüne von Mann. Was heißt leben: Lawrence (Michael J. Smith, Sr.) sitzt da mit totem Blick, erstarrt in Trauer, Depression, schwer lastender Einsamkeit, der Film sagt es nicht. Er sagt nur, dass Lawrence’ Zwillingsbruder sich das Leben genommen und dass Lawrence es auch versucht hat. Aber er überlebt den Lungendurchschuss (die einzige Actionszene: à la „Emergency Room“) und geht nicht mehr in den Tankstellen-Shop, den die Brüder gemeinsam führten. Selbst den Hund lässt er beim Nachbarn, damit er immer nur reglos dasitzen kann.

Bis das Haus des Bruders neue Bewohner bekommt: dessen Exfreundin Marlee (Tarra Rigss) mit ihrem Sohn James (Jim Myron Ross). Marlee schuftet als Putzfrau und schafft es nicht, auch nur das Nötigste zum Leben zusammenzukratzen. Der halbwüchsige James soll nach den Ferien nicht mehr zur Schule zurück – der Unterricht taugt nichts. Er gerät an Lawrence’ Pistole, an eine Drogengang und unter unter erheblichen Druck. Deshalb suchen Mutter und Sohn Zuflucht im Nachbarhaus, deshalb macht Marlee den Shop wieder auf, lernt Buchhaltung und wie man mit Lieferanten verhandelt. Wenn sie telefoniert, kann man sehen, wie neu das für sie ist: eine Tastatur bedienen.

Sozialwissenschaftler würden sagen: Prekariat. Drei Schwarze, die fast nichts haben. Aber das soziale Kino des 41-jährigen Kaliforniers Lance Hammer ist anders. Handkamera in Cinemascope. Extreme Close-Ups wechseln mit Totalen, Jump-Cuts mit aus der Zeit herausgefrästen Momenten. Eine Ästhetik, so experimentell wie stilsicher – atemberaubend für einen Erstlingsfilm. Präzise Unschärfen, der Junge im Vordergrund, die Konturen von Marlee und Lawrence werden dahinter wie im Zerrspiegel verzogen, die beiden reden gerade über die Zukunft des Jungen. Das oft unstet hinter dem Rücken der Protagonisten lauernde Kameraauge gemahnt an die Furcht eines Kindes, das sich von der Unbill der Welt bedrängt fühlt und vergeblich nach Schutz sucht.

Mann, Frau, Kind. Eine Familie ist das noch lange nicht, nur ein zähes Ringen um ein bisschen Weiterleben, ein fast wortloser Kampf gegen die Kälte, die Armut, die Erschöpfung, die Gewalt. James bedroht Lawrence mit der Pistole, die Drogenjungs bedrohen James, das kann kein gutes Ende nehmen – und nimmt es dann doch. Auch das ist selten im Kino: Dass eine Waffe ins Spiel kommt, aber kein tödlicher Schuss fällt.

Mit der Post kommen die Schulbücher für den Heimunterricht. James starrt sie an wie Botschaften von Außerirdischen. Algebra, er kapiert nichts. Aber die Mutter gibt nicht auf. Es ist, als ob drei Menschen aus eigener Kraft die Zivilisation errichten: Nahrung, Arbeit, Bildung, Gemeinschaft. Liebe ist das nicht gerade. Als Lawrence Marlee ein einziges Mal umarmt, stößt sie ihn rüde von sich. Die Dialoge: Satzbrocken, Südstaaten-Idiom, hingeworfen, ausgespuckt. Ist das dein Hund? Ist das ein Wolf? Ein Halbwolf. Zeig mir deine Schusswunde.

Irgendwann steckt man in der Haut dieser Leute. Irgendwann ahnt man, wie es sich anfühlt, wenn die Schwerkraft schwerer lastet als bei einem selbst, und welche Anstrengung es kosten muss, sich nicht erdrücken zu lassen. Ein Mann, der vor einer leeren Wand sitzt und auf einen Heizstrahler starrt: eins der Bilder, die von dieser Berlinale bleiben werden.

Heute 15 und 21 Uhr (Urania), 17. 2., 20 Uhr (International)

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