• Berliner Autorenwerkstatt: Noch viel zu früh und überhaupt nicht fertig - Mit Laudert, Gericke und Gieselmann an der Schaubühne

Kultur : Berliner Autorenwerkstatt: Noch viel zu früh und überhaupt nicht fertig - Mit Laudert, Gericke und Gieselmann an der Schaubühne

Doris Meierhenrich

Es War Auch Lustig. Zumindest hatte man den Eindruck, die Schauspieler empfanden es so und demonstrierten gut gelaunt, dass sie mit Textbuch in der Hand gern auf der Bühne stehen. Mindestens drei Zuschauer mochten das anders gesehen haben, denn es ging um ihre Texte, die dort unten in szenischen Lesungen erstmals öffentlich verhandelt wurden, ohne dass sie bereits fertig sind. Diese Offenheit aber, so scheint es, ist der Preis, den David Gieselmann, Katharina Gericke und Andreas Laudert dafür zahlen mussten, dass sie vor einem Jahr in den Genuss kamen, die ersten Kandidaten der frisch gegründeten "Autoren-Werkstatt" zu sein.

Damals wurden die drei, allesamt ehemalige oder derzeitige Studenten des Fachs Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste, eingeladen, im kritischen Zeitgeist der Schaubühne über die Gegenwart ein Theaterstück zu schreiben. Sie selbst sollten dabei allen gegenwärtigen Stress vergessen: Ihre Stücke konnten so viel Personal haben, wie sie wollten, durften so lang sein, wie sie müssten, und immer, wenn Rat Not täte, stünde das Schauspieler-Dramaturgen-Team bereit. Am Ende würde man dann schon sehen, ob das Stück aufführbar ist oder nicht. "Natürlich", versichert Dramaturg Jens Hillje, "würden wir am liebsten alle aufführen, denn wir brauchen ja neue Stücke." Die Autoren sollten sehen, wo sie stehen und die Diskussionen im Haus sollten in Gang kommen. Die drei Vorgeführten bestätigten, dass all dass eingetroffen ist und dass es gut war. Stellt sich nur noch die Frage: Warum dann eine öffentliche Lesung und nicht hausintern? Vielleicht wollten auch die Dramaturgen sich die Arbeit ein bisschen leichter machen und die Entscheidung, ob überhaupt und welches Stück sie später realisieren sollen, der Resonanz von außen überlassen. Auf die Zukunftsfrage aber geben sich die Dramaturgen väterlich, stellen jedes Stück konsequent als "Zwischenstadium" vor und versprechen, die Arbeit an ihren halbfertigen Stücken mit den Autoren fortzusetzen, bis sie sich für irgendeines oder keines entscheiden.

Katharina Gericke wird es da mit ihrem Stück "Vom Fluss" am schwersten haben. Zwar hat sie das Angebot der Schaubühne ernst genommen und ein Monumentalwerk über die 40jährige Geschichte der DDR in Angriff genommen - 20 Personen, die Zeit springt zwischen 1959 und 99 hin und her - doch war ihre Fassung von allen dreien wohl die vorläufigste und damit noch am wenigsten verständlichste. David Gieselmann dagegen, dem ohnehin das improvisierende Arbeiten liegt, hat, wie er sagt, vor allem in der letzten Woche vor der Lesung, als die Proben begannen und seine Figuren plötzlich zu Stimmen wurden, gemerkt, was klappt und was nicht.

Endlich sei frische Luft durch seinen Text gezogen, erleichtert sich auch Andreas Laudert. Und tatsächlich sind die Stücke dieser beiden am weitesten, wenn auch bei allen dreien die Handlungsstränge noch weit auseinander laufen und der Kern der Geschichten leer bleibt. David Gieselmanns Text "Eine amerikanische Hand" fällt besonders durch sein sprachliches Geschick auf. Er erzählt die parallelen Geschichten von fünf ehemaligen Schulfreunden. Mehr als die Handlung trägt die Sprache dieses Stück, was schon jetzt in den starken, selbstreflexiven Monologen beeindruckt. Teilweise laufen zwei Monologe parallel nebeneinander her. Sie sind so kunstvoll miteinander verwoben, dass man mehr solcher Szenen erzählt bekommen möchte. Eine Verbindung der Einzelteile fehlt bei Andreas Lauderts Stück "Auf Erden". Er hat sich die Schaubühnenfrage "Wie sollen wir heute leben?" zu Herzen genommen, um sie aus zwei wahrnehmungsverschobenen Perspektiven neu zu stellen: Seine Handlung spielt in einem Behindertenheim und einem futuristischen Clearingcenter, in dem Menschen genetisch produziert werden. Laudert, der selbst mit Behinderten arbeitet, hat ihre eigene Erlebniswelt sehr einfühlsam und genau beobachtet, doch erscheint die Klonwelt dazu so steif, wie ein viel zu lange gehobener Zeigefinger.

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