Kultur : Berliner Beitrag: Größe und Bezug

SABINE WEISSLER

Mehr als zehn Jahre dauert die Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin nun an.Lange genug, um die geführte Auseinandersetzung als Ausgangslage für eine Art Langzeituntersuchung von Mustern der Mahnmalsdebatten in Deutschland ansehen zu können.Die vorgebrachten Einwände und Bedenken, selbst die Art der Zustimmung, sind tausendmal gehört: Wo immer in Deutschland ein Denkmal zum Holocaust errichtet wird, sind sie ähnlich.Wellenartig wiederholen sich die Argumente.Es geht um: Standort, Größe, Form, Verfahren, zuletzt - am Rande - um Inhalte, denn zu diesen wird ein Konsens vermutet.Die Rollen sind zwischen Links und Rechts, Kunst, Politik und Wissenschaft verteilt.Und da gibt es noch die Fraktion der Querdenker.

Zwischen 1992 und 1995 tobte die Debatte um die Aufstellung des "Denkzeichen Synagoge Haus Wolfenstein" kurz "Spiegelwand" in Steglitz.1992 hatte die Steglitzer Bezirksverordnetenversammlung einen Beschluß für einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb für ein Mahnmal auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz gefaßt.Das heute noch in einem Hinterhof existierende Gebäude der ehemaligen Vereinssynagoge befindet sich an diesen Platz angrenzend in der Düppelstraße 41.Das Gebäude ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.Darum sollte das Mahnmal den Bezug zu diesem nicht sichtbaren Erinnerungsstück aufnehmen.

Die Größenmaßstäbe wurden durch die im Hintergrund bestehende Autobahnbrücke und den im Süden angrenzenden Kreisel-Bau gesetzt.Beides brachiale Bauten, die den Platz dominieren und gegen die sich das Mahnmal behaupten mußte.Am 21.Okt.1992 zeichnete die Jury, zu der auch die Fraktionen der BVV als Gäste eingeladen waren, die "Spiegelwand" von Joachim v.Rosenberg und Wolfgang Göschel und Norbert Burkert aus und empfahl sie zur Realisierung.Die "Spiegelwand" ist eine 11 Meter lange und 3,50 Meter hohe Wand, in die 2000 Namen, Adressen und Geburtsdaten von jüdischen Berlinerinnen und Berlinern eingraviert sind.Dokumentiert sind jeweils die Seiten aus den Deportationslisten, auf denen sich Steglitzer Adressen befinden.Jeder Leser der Wand kann Menschen aus seiner Nachbarschaft entdecken und feststellen, daß die Mörder nicht vor kleinen Kindern und Greisen halt machten.Außerdem sind auf der "Spiegelwand" Dokumente zur jüdischen Geschichte in Steglitz und ganz Berlin zu finden.Und es sind zwei jüdische Steglitzer Kinder abgebildet, die überlebten.

Hauptargument der Gegner war: Das Objekt sei zu groß.Die Maße, 11 x 3,5 Meter, nahmen die Länge der ehemaligen Synagoge und die Höhe der umliegenden Schaufenster - gerade so hoch wie eine Altbauwohnung - auf.Auch nach der Überarbeitungsphase galten die von den Künstlern vorgeschlagenen 9 Meter immer noch als zu lang.Als am 18.April 1994 der Kulturausschuß des Abgeordnetenhauses eine Anhörung mit den Bezirkspolitikvertretern zur Spiegelwand durchführt, sind knapp 2 Seiten Wortprotokoll des CDU-Bezirksbürgermeisters dokumentiert.1 1/2 davon beschäftigen sich nur mit den Maßen.Die FDP rechnete die Spiegelwand in Quadratmeter um, und CDU sah sich an die Berliner Mauer erinnert, was man den diesbezüglich sensibilisierten Mitbürgern nicht zumuten wollte.Außerdem sei die "Spiegelwand" ein "Sichthindernis" (!).Der Standort auf dem belebtesten Steglitzer Platz war nicht recht.Ein Marktplatz sei "kein würdiger Ort." Die "Spiegelwand" provoziere Schmierereien, das wiederum erinnere an Steglitz als ehemalige Nazihochburg und pflege alte Vorurteile.Auch sollte das Geld besser für soziale Zwecke, Jugendaustausch und die partnerschaftlichen Beziehungen mit der israelischen Partnergemeinde ausgegeben werden.

Zweieinhalb Jahre lang wurden diese Vorwände wiederholt und variiert.Da Diskussionen auf Bezirksebene oft von jedem intellektuellen Schnickschnack befreit, klar und deutlich den Stand des Denkens, quasi pars pro toto, wiedergeben, erregte die Auseinandersetzung internationales Aufsehen und Kopfschütteln.Der Senat zog das Verfahren an sich und realisierte die "Spiegelwand".Alle Argumente wurden durch die Praxis widerlegt.Die Spiegelwand ist im Stadtraum geradezu diskret.Durch die starken Spiegelungen fällt sie erst auf, wenn man in ihrer unmittelbaren Nähe ist.Sie wurde nicht dauernd beschmiert.Immer stehen Menschen davor und lesen.Sie ist vielleicht das am meisten frequentierte und akzeptierte Mahnmal in der Stadt.Das Konzept eines Mahnmals mit klarem, regionalem Bezug und der Möglichkeit, eine persönliche Beziehung zu den Menschen, für die es steht, aufzunehmen, war geglückt.

Wenn sich die Argumente gegen Holocaust-Mahnmal und "Spiegelwand" gleichen, obwohl die diskutierten Objekte nicht den Standort, die Kosten, die stadträumliche Einbindung, nicht einmal den inhaltlichen Ansatz gemeinsam haben, liegt der Verdacht nahe, daß nicht wirklich über die Gegenstände gesprochen wird, sondern über anderes.Es geht um das Verhältnis der nicht-jüdischen Deutschen zum Holocaust.In den sechziger, noch in den siebziger Jahren wurde dieses Verhältnis im Bannstrahl der sogenannten "Vergangenheitsbewältigung" fixiert.Der implizierte ein christliches Erlösungsversprechen.Und mußte enttäuscht werden.Es war ein verlogener Begriff.Irgendwann wurde klar, daß die einen nicht bewältigen können, was andere erlitten haben.Die Unschärfe blieb bestehen; nicht nur der Begriffe.Es gibt auch nicht das Bild des Holocaust, nicht das verbindliche Symbol.Der Holocaust ist tausend Bilder, nicht eines.Der Eisenman-Entwurf ist herausragend; weil er nicht nach diesem verbindlichen Bild gesucht hat, sondern ein Gefühl in die Bildwelt trug: die Vereinzelung.Aber das war das Gefühl der Opfer.Die Deutschen waren diejenigen, die vereinzelten, selektierten.Sollten sie nun das Schicksal der Opfer nachempfinden? Und wie geht es dann weiter? Haben sie nicht schon längst vergessen, wie sie als Täter waren, wie Täter sind.Es ist unendlich viel leichter, als Erbe der Opfer zu übernehmen, als das der Täter.Das muß aber geschehen und es bleiben starke Zweifel, ob dieses zentrale Mahnmal dazu beiträgt.Der Völkermord der Deutschen an den Juden Europas muß die Bezugsgröße gegenwärtiger deutscher Politik sein.Diese Politik ist das Mahnmal, das die Verantwortung der Deutschen für den Völkermord zeigt.Jeder Tag zeigt, ob sie es erstehen lassen können oder nicht.

Sabine Weißler ist Kulturamtsleiterin in Steglitz

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