Kultur : Berliner Blut

Ein Coup: Shermin Langhoff wird Chefin des Gorki Theaters.

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Von Kreuzberg nach Mitte. Shermin Langhoff, Jahrgang 1969, leitet das Ballhaus Naunynstraße seit 2008. Nun wechselt sie doch nicht zu den Wiener Festwochen, sondern übernimmt 2013 das Gorki von Armin Petras. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Von Kreuzberg nach Mitte. Shermin Langhoff, Jahrgang 1969, leitet das Ballhaus Naunynstraße seit 2008. Nun wechselt sie doch nicht...

Wochenlang ist mehr oder weniger wild spekuliert worden, wer 2013 die Nachfolge von Armin Petras als Intendant des Maxim Gorki Theaters antreten wird. Der Handel mit Kandidatennamen blühte auch beim Theatertreffen, zuletzt hieß es, der Berliner Senat verhandle mit Regisseur Nicolas Stemann. Bloß bestätigt wurde nichts.

Am heutigen Dienstag nun bereitet Kulturstaatssekretär André Schmitz der Kaffeesatzleserei ein Ende und verkündet am Festungsgraben, wer’s wirklich wird. Ohne übertreiben zu wollen: Die Nachricht ist ein Coup, eine kleine kulturpolitische Sensation. Shermin Langhoff, zurzeit noch Chefin am Ballhaus Naunynstraße, wird das Haus als künstlerische Leiterin übernehmen, wohl im Verbund mit dem freien Dramaturgen Jens Hillje.

Die Meldung kommt deswegen so überraschend, weil Langhoff und Hillje Ende des Jahres zu den Wiener Festwochen wechseln wollten: Langhoff als stellvertretende Intendantin und Chefkuratorin neben Markus Hinterhäuser, Hillje als leitender Dramaturg. Ein Umstand, der in Berlin gemischte Gefühle hervorgerufen hatte. Langhoffs Wien-Wechsel war im Mai 2011 zu einem Zeitpunkt öffentlich geworden, als viele noch damit rechneten, sie würde Matthias Lilienthal am HAU beerben. Was jedoch in letzter Konsequenz am Geld scheiterte. Die 4,5 Millionen Euro, die das Theaterkombinat am Halleschen Ufer jährlich an Subventionen bekommt, hätten nicht für Langhoffs Vorhaben gereicht, ein interkulturelles Ensemble aufzubauen. Stattdessen entschied sich die Chefin des kleinen Theaters in der Naunynstraße, ihre „postmigrantische Vision“ auf die internationale Bühne der hoch budgetierten Festwochen zu bringen.

Die Wiener Zeitungen melden nun – leicht perplex –, Langhoff habe „aus persönlichen, familiären Gründen“ ihr Engagement niedergelegt. Was die Festwochen „mit großem Bedauern“ akzeptierten. Über die wahren Gründe lässt sich nur spekulieren. Gerüchten zufolge gab es Querelen im Leitungsduo. Hinterhäuser, so heißt es – der aus Salzburg kommend die Festwochen übernimmt – wollte sich nicht an bereits getroffene Budgetabsprachen halten. Vorgesehen war, dass die Berliner Theatermacherin mit ihrer Erfahrung aus der freien Szene das eher avantgardistische Programm neben dem elitären Musikprogramm verantwortet, an Spielstätten wie dem Konzerthaus „brut“ und dem Schauspielhaus.

Jetzt also das Gorki. Im Vergleich zu den Wiener Festwochen nicht eben der Hochkultur-Olymp. Aber für Shermin Langhoff und Jens Hillje, die 2014 ihr erstes Programm in Wien verantwortet hätten, wohl die langfristigere Option. Und eine gute, reizvolle Perspektive für Berlin. Schließlich sind beide bewährte Kräfte in der Stadt. Shermin Langhoff hat ihr Theater-Handwerk am HAU gelernt, wo sie als Kuratorin für das Lilienthal-Format „X-Wohnungen“ sowie für die Festivalreihe „Beyond Belonging“ tätig war. Gemeinsam mit Lilienthal hat sie die migrantische Community ans Haus gebunden und hoch talentierte Autodidakten vom Film zum Theater geholt, Künstler wie Neco Celik („Schwarze Jungfrauen“) oder Tamer Yigit („Ein Warngedicht“). Dass man ihr 2008 die Leitung des Ballhaus Naunynstraße übertrug, war eine erfreuliche, logische Konsequenz.

Langhoff, 1969 im türkischen Bursa geboren und in Nürnberg aufgewachsen, hat aus dem kleinen Kiez-Theater dank ihrer hervorragenden Vernetzung binnen kurzer Zeit ein Label mit Strahlkraft gemacht, weit über Kreuzberg und schließlich auch über Berlin hinaus. Einmal mehr hat sie dabei Newcomer entdeckt, junge Regisseure wie Hakan Savas Mican („Die Schwäne vom Schlachthof“) oder Michael Ronen („Warten auf Adam Spielman“).

Jens Hillje wiederum – der von 1999 bis 2009 als Chefdramaturg im künstlerischen Leitungsteam der Schaubühne wirkte – schob den bis dato größten Ballhaus-Hit überhaupt mit an: Nurkan Erpulats Inszenierung „Verrücktes Blut“. Das gefeierte Stück über den klischeebeladenen Blick auf migrantische Jugendliche spielte eine ästhetische Radikalerziehung auf der Folie von Schillers „Räubern“ durch und wurde im vergangenen Jahr zum Theatertreffen eingeladen.

Geplatzter Wien-Wechsel hin oder her: Langhoff und Hillje kommen mit Rückenwind und Vorschusslorbeeren. Allerdings an ein Haus, das nicht üppig ausgestattet ist. Deshalb hatte Armin Petras ja im Oktober verkündet, 2013 ans Schauspiel Stuttgart wechseln zu wollen. Er war das Gezerre ums Geld leid. Das Gorki bekommt derzeit 8,3 Millionen Euro pro Jahr, gilt aber seit langem als unterfinanziert. Ex-Intendant Volker Hesse gab seinem Nachfolger die wenig aufmunternden Worte mit: „Du kannst hier gar kein Theater machen.“ Und Gorki-Geschäftsführer Klaus Dörr klagt, der Bühne fehlten rund 800 000 Euro: eine Summe, die sich aus nicht ausgeglichenen Tariferhöhungen und Umzugskosten von Werkstätten zusammensetzt. Petras behalf sich, indem er zahlreiche Koproduktionen mit anderen Theatern und Festivals einging.

Sollte der Kultursenat nicht wider Erwarten das Gorki-Budget aufstocken, ist Langhoffs Aufgabe eine echte Herausforderung. Andererseits: Die Möglichkeit, ein interkulturelles Ensemble aufzubauen, das nicht nur Behauptung bleibt, dürfte sie dort haben. Es wäre das erste seiner Art Deutschland. Berlin stünde es gut zu Gesicht.

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