Kultur : Berliner Brecht-Tage: Die Antwort der Nachgeborenen

Janine Ludwig

Die Veranstalter des Literaturforums im Berliner Brecht-Haus sind ein Risiko eingegangen: Die Gralshüter seines Erbes haben ihren Brecht aus der Hand gegeben und den "Laien" zur freien Verfügung überlassen. Sie wollten herausfinden, wie der Klassiker heute wahrgenommen wird und forderten vor allem Jugendliche auf, ihr Verhältnis zu Brecht darzustellen. Herausgekommen sind 14 Arten, mit Brecht umzugehen: experimentelle Spiele, Lesungen, Diskussionen, ein Schreibwettbewerb.

Am Montag zeigte "di folkzakademi" aus Leipzig das Brecht-Gedicht "Die Erziehung der Hirse" als Theaterperformance. Auf wundersame Weise kritisierte sie Überproduktion und Ertragssteigerungswahn - gleichermaßen sozialistisches wie kapitalistisches Problem - anhand eines Texts, der noch dem Fortschritt zu huldigen scheint. Später diskutierten Autoren wie Thomas Oberender, Ralf Bönt oder Axel Preusz, was sie mit Brecht verbindet. Die einen wurden in der Schule mit ihm gequält, die anderen konnten ihn selbst im Literaturstudium umgehen. Sie bezweifelten die Möglichkeit, heute noch klare Fronten aufzubauen, wie Brecht, der große Vereinfacher, es tat, würdigten aber sein Bekenntnis zur Ästhetik.

Am Dienstag näherten sich die Berliner Schreibwerkstätten "Pegasus" aus Lichtenberg, "Poetenklub am FEZ Wuhlheide" und "Schlesische 27" dem Dichter mit Wortspielen und Assoziationen zu einzelnen Zeilen aus seinen Gedichten. Die neuen Texte spiegeln mal Bescheidenheit, mal Selbstbehauptung gegenüber dem "Problem, dass alles, was man schreibt, schon mal besser gesagt, geschrieben, verfilmt wurde. Das bremst unheimlich." Bei schwankender literarischer Qualität erstaunte doch die Vielfalt der sprachlichen Formen von Märchenstil, Kurzprosa, Stream of Consciousness über den Sprechkanon bis zur Lyrik. Eindrücklich war dabei der authentische Ausdruck dessen, was die jungen Menschen beschäftigt.

Bisher haben die Veranstaltungen zweierlei erwiesen: Zum einen kann man über das Vehikel Brecht aktuelle Fragestellungen transportieren - sei es Globalisierung, Konsum, Einsamkeit der Großstädte, Verwissenschaftlichung des Menschen und dergleichen mehr. Zum anderen scheint sich Marcel Reich-Ranickis These zu bestätigen, Brecht lebe und wirke vor allem in seinen Gedichten nach. Seine Lyrik (Spitzenreiter: "An die Nachgeborenen") war häufigster Bezugspunkt der Teilnehmer und erklärte Lieblingslektüre.

Das Risiko hat sich gelohnt. Man erinnert sich an dieses Gedicht oder jenes Lied und beschließt, noch mal bei Brecht zu schmökern. Dieser Mann mit dem Klassikerstatus, der eher abschreckt als einlädt, ist zu Tode zitiert, gepredigt, verordnet worden. Aber er hat überlebt.

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