Kultur : Berliner Festspiele: Oberender wird Intendant

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Von Salzburg nach Berlin. Theatermann Thomas Oberender, 44. Foto: dpa
Von Salzburg nach Berlin. Theatermann Thomas Oberender, 44. Foto: dpaFoto: dpa

Thomas Oberender wird neuer Intendant der Berliner Festspiele. Er tritt im Januar 2012 die Nachfolge von Joachim Sartorius an, der die Festspiele seit 2001 leitet. Oberender ist gestern vom Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH gewählt worden. Ein ausgewiesener Theatermann: Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele (seit 2006), davor Chefdramaturg und Mitglied der künstlerischen Leitung an den Schauspielhäusern in Zürich und Bochum. An der Humboldt Universität hat er über den Dramatiker Botho Strauß promoviert.

Es gibt auch sonst so manches, was Oberender mit Berlin verbindet. 1966 in Jena geboren, hat er viele Jahre hier gelebt. Und er war schon mehrfach im Gespräch, als es um die Besetzung des Intendantenpostens am Deutschen Theater ging. Mit dem damaligen Berliner Kultursenator Thomas Flierl hatte Oberender 2006 schon einen Vorvertrag geschlossen, den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit nach der Abgeordnetenhauswahl kassierte. Die Wahl zum neuen Festspiel-Chef ist für Oberender ein Berliner Happy End. Damit tritt er aus Jürgen Flimms Schatten in Salzburg heraus – und trifft ihn wieder als Berliner Staatsopernintendanten.

Oberender findet ein frisch renoviertes Festspielhaus vor, wo soeben die Spielzeit Europa 2010 zu Ende gegangen ist. Sie wurde im November eröffnet mit „Continu“ von Sasha Waltz und das trifft ohne Weiteres auf Thomas Oberender zu. Er dürfte für Kontinuität bei den Festspielen stehen. Sie haben mit dem Theatertreffen, dem Literaturfestival, dem Jazz-Fest, dem Musikfest, der Maerz-Musik und der Spielzeit Europa viel und Vielfältiges im Angebot, das sich traditionell der Avantgarde verpflichtet fühlt. Der Martin-Gropius-Bau ist seit Jahren ein Erfolgsgarant mit seinen Ausstellungen.

Matthias Lilienthal, Intendant des Hebbel am Ufer, ein anderer denkbarer Kandidat für die Zeit nach Sartorius, hätte da einiges über Bord geworfen und radikal umgestaltet. Damit ist bei Oberender nicht zu rechnen, dafür wurde er nicht gewählt. Er ist ein bedachtsamer Intellektueller, schrieb Essays und Theaterstücke. 2009 erschien sein Buch „Leben auf Probe. Wie die Bühne zur Welt wird“; dort steht der schöne Satz, Schauspielerei ist „die Suche nach der Haltung, die man haben könnte“.

Die Berliner Festspiele wurden 1951 als West-Berliner Schaufenster mit alliierter Hilfe gegründet, sie waren lange Zeit die einzige Institution der Stadt, die sich konsequent internationaler Kultur widmete. Längst sind andere hinzugekommen, das Haus der Kulturen der Welt, das HAU, eines Tages wird das Humboldt-Forum mitmischen. Joachim Sartorius hat seinem Nachfolger eine sehr gute Ausgangsposition bereitet. Die Festspiele sind groß, wenn auch finanziell nicht üppig ausgestattet, da ist Platz für neue Ideen und Kräfte. Rüdiger Schaper

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