Kultur : BERLINER FESTWOCHEN: Nicht enden sollend

FREDERIK HANSSEN

Es gibt Konzerte, nach denen wünscht man sich, die ganze Welt hätte zuhören können.Sicherlich, das SFB-Fernsehen hat die jüngste Begegnung von Günter Wand und dem Berliner Philharmonischen Orchester aufgezeichnet, wird den Mitschnitt wegen seiner historischen Bedeutung womöglich zu einer zumutbaren Sendezeit ausstrahlen - es wird nur ein schwacher Abglanz dessen sein, was da, an diesem 18.September in der Philharmonie passierte.Alle aber, die dabeiwaren, werden sich lange daran erinnern, wie sich der 86jährige Dirigent an den 1.Violinen vorbei bis zu seinem Podium entlanghangelt und dabei so zerbrechlich wirkt, als sei er aus mattem Glas.Auch Wands breitbeinige Haltung wird im Gedächtnis bleiben und sein scheinbar nutzloses, leeres Notenpult, das - notfalls - als Stützfläche hätte herhalten können.

Die Annalen der Philharmoniker werden vermerken, daß Günter Wand Schuberts "Unvollendete" in derselben massiven Besetzung spielen ließ wie danach Bruckners 9.Symphonie, mit 18 ersten Geigen, schon damals ein Anachronismus.Aber die Besucher des Konzertes werden sich ebenso daran erinnern, wie ungemein zart, wie blattgoldfein die Streicher damals spielten: in dutzendfachem, glasklarem Pianissimo von unerhörter, magischer Klangtiefe.Vollkommene Schönheit hatte den Beginn des ersten Satzes der "Unvollendeten" geprägt, nichts Bedrohliches haftete - wie sonst üblich - der Einleitung an, nichts Rätselhaftes schien hinter dem wiederholten plötzlichen Abbrechen der Melodien zu stecken.Fast schon zu perfekt wirkt alles - bis plötzlich, fast unerwartet die Stimmung kippt: Celli und Kontrabässe sinken in nachtschwarze Tiefe herab, was Licht war, wird Schatten, die Pauke pocht ihre Schicksalsschläge.Hier wird das Wirkungsprinzip der Sonatensatzform körperlich spürbar: Nichts ist mehr, wie es war, als schließlich das altbekannte Material des Anfangs wiederkehrt.

Der zweite, langsame Satz der Schubert-Sinfonie entführt in andere Hörwelten.Die Vollkommenheit der Holzbläserdialoge, die schimmernde Ebenmäßigkeit der Streicherbewegungen rufen Erlebnisse in einsamer, von keinem Zivilisationsgeräusch berührter Natur wach.Imitiert hier die Musik die Natur oder das Leben die Kunst? Die Fortissimo-Einbrüche, plötzlich viel schärfer dreinfahrend als gewohnt, können dieser Idylle auf Dauer nichts anhaben.Alles wird gut.

Alles wird Staub.Bruckner konnte seinen "Abschied vom Leben", seine neunte Symphonie nicht so abschließen, wie er es geplant hatte: vom Finale blieben nur Skizzen, so wie alles in seinem Werk Fragment gewesen war.Riesige Blöcke, zu monumentalen Klanggebirgen aufgetürmt.Wer die bewegen will, muß zupacken: Vergessen ist die unendliche Leichtigkeit der Schubert-Töne; jetzt erst hört der Saal, wie viele Musiker da wirklich da inmitten der hängenden Philharmonie-Gärten sitzen.

Ein Zukleistern der Risse in dem zerklüfteten Höhenkamm der Neunten, der Letzten, kommt für Günter Wand nicht in Frage - ist denn die Natur frei von Brüchen? Wer die gleißenden Steilwände der Blechbläser scheut, vor den Schluchten zurückschreckt, die immer wieder von apokalyptischen Streichertremoli aufgerissen werden, hangelt sich mit den Episoden einer "Liebesnacht" durch den ersten Satz: Brennend heißes Verlangen, süße Sehnsucht entströmen unter Wands Gesten dem zweiten Thema - und droben lächelt der Gefühlsprofi, Richard W., Bruckners Abgott, sein mildes Gönnerlächeln.

Der Mittelsatz dann klingt nach Schostakowitsch: Scharf, wie frisch geschliffen, die Artikulation, glutvoll und zynisch der Tonfall, kraftstrotzend die Tuttipassagen.Ein brillant hingetupftes Intermezzo vor den endlosen Weiten des Adagio.Noch dichter und intensiver wird der Zusammenklang, scheint akustisch in die dritte Dimension vorstoßen zu wollen, je weiter Dirigent und Orchester zum gemeinsam gesteckten Ziel vorrücken.Eine nicht enden sollende Offenbarung, die schließlich doch verklingen muß, um dem Jubel Platz zu machen.Und dem Alltag.

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