Kultur : Berliner Flirt: Ludwig Börnes Briefe an Jeanette Wohl

Hansjörg Graf

Wer gerne Zeitung liest - drei Gazetten täglich sollten das Minium sein -, kommt bei Ludwig Börnes (1786-1837) Korrespondenz voll auf seine Kosten. Das genau ist auch die Intention des Autors: Er schreibt Briefe mit dem Hintergedanken, sein Credo zu einem späteren Zeitpunkt in modifizierter Form unter die Leute zu bringen. Wenn Börne mit seinen Berliner Briefen an Jeanette Wohl - sie erweist sich als mütterliche Beraterin in allen Lebensfragen - die Materialien für eine "künftige Beschreibung von Berlin" liefern will, erfüllt er diesen Anspruch zumindest als Berichterstatter aus den gesellschaftlichen Zentren der Stadt: Es sind nicht nur die "Mittwochs"- und die "Sonntagsgesellschaft", sondern auch die Salons von Henriette Herz, Mariane Saaling und der Familie : brazilectro, 2 CDs (SPV).Mendelssohn, die Börne kommentiert; Besuche bei Rachel Varnhagen und ihrem illustren Freundeskreis scheinen nur sporadisch stattgefunden zu haben.

Ludwig Börnes Aufenthalt in Berlin dient der Bildung in einem umfassenden Wortsinn: "Ich lerne die Welt und mich selbst kennen." Der autobiografische Impuls dieser Briefe ist unverkennbar. "Wenn ich Äusserlichkeiten erzähle, so geschieht es nur, weil das der einzige Weg ist, mir meine Gedanken und Empfindungen in Erinnerung zu bringen." Börnes Berliner Briefe haben also die Funktion eines Memorandums im Sinne eines Merk- und Tagebuchs; sie erschließen letzten Endes auch eine Dialektik der Gefühle. "Ich kann auch ein Narr sein...", kommentiert er immer wieder seine eigene Kritikerposition. Wer sich so ausdrückt, bekennt sich zu einem Rollenspiel.

Börne gibt im 29. Brief aus Paris zu erkennen, dass "ein kleiner Hanswurst" hinter seinem "Herzen auf beständiger Lauer" liegt, "der immer mit seinen Spässen hervortritt, sobald das Herz zu betrübt und ernst wird." Im Schabernack einer Reihe seiner Berliner Briefe steckt also nicht nur die Laune eines Verliebten, der sich wie ein Zwanzigjähriger gebärdet, auch wenn er schon 45 ist. Sein Übermut, der sich auch in Wortspielen und einem Sprachwitz von ansteckender Wirkung manifestiert, hat offenkundig auch eine Verdrängungsfunktion. Denn Börne weiß sehr wohl, dass Berlin viel mehr anzubieten hat, als er wahrnimmt und seiner Freundin mitteilt. Wird er mit dieser Stadt nicht warm? Nur selten besucht er eine Theateraufführung, seine Teilnahme am Berliner Gesellschaftsleben ist eingeschränkt. Er lässt alle Eigenschaften vermissen, die seine Freundin von einem Homme du monde erwartet.

Umso mehr sind die Briefe ein Beweis für die Kunst des Korrespondenten, auch aus relativ wenigen Eindrücken ein Feuilleton der Berliner Szene zu gestalten. Wie sehr er dabei seinen Part als Charmeur und Hahn im Korb detailfreudig und mit sichtlichem Genuss beschreibt, trägt nicht wenig zum Amüsement des Lesers bei.

Börne macht kein Hehl aus seiner komödiantischen Natur. Er leugnet nicht den theatralischen Aspekt seines Lebens: So meint er, dass man mit keiner Person "besser einen Roman spielen kann" als mit Mariane Saaling. "Sie ist selbst ein ganz fertiger Roman. Ein wunderliches Gemisch in ihr von Wahrheit und Dichtung. Und in eine solche Rolle einzugehen, bin ich ganz der rechte Mann."

So führt Börnes Berliner Flirt zur Entdeckung seines eigenen Naturells. Eine Wahlverwandtschaft deutet sich an, ohne dass Börnes Freundschaft mit Jeanette Wohl darunter leidet. Börnes Berliner Bekanntschaften bieten letztlich den Stoff, aus dem sich eine literarische Aktion bestreiten ließe. Doch es bleibt beim Konjunktiv.

Für Börne ist Berlin eine Episode, vielleicht auch ein Versprechen, das sich aber erst zu einem späteren Zeitpunkt und an anderem Ort einlösen lässt. Zwei Jahre später wird Paris, das ihm schon länger vertraut ist, zur Arena des politischen Schriftstellers: "Es ist wahr, dass ich den Platz des Zuschauers verlassen und unter die Handelnden getreten bin." Doch selbst die Gegenüberstellung von Berlin und Paris bleibt ambivalent: Für ihn, den Nomaden und Stubenhocker in einer Person, bedeutet das Berliner Zwischenspiel den Übertritt aus einem "Stilleben" in eine "geräuschvolle Welt". "Es ist doch hier schon sehr grossstädtisch, und für mich fast mehr als Paris, weil ich dort so einsam gelebt".

Börnes rund 3000 Druckseiten umfassende Korrespondenz mit Jeanette Wohl lässt sich wunderbar als ein "Entwicklungsroman" lesen. Die zwischen Jux und Sachlichkeit changierenden Berliner Briefe bilden darin ein integrierendes Kapitel. Während in Paris der politische Essayist und Pamphletist eine radikale Rhetorik entfaltet (Briefe aus Paris, 1832-34), präsentiert sich der Berlin-Report als eine Mischung aus Selbstporträt und Klatschspalte. Der zeitliche Abstand zwischen Hier und Dort ist minimal; doch verhalten sich die beiden Korrespondenten zueinander wie ein Urtext zur Ausgabe letzter Hand. Es muss an der Berliner Luft liegen: "Ich glaube, das gibt mir hier etwas Frisches, etwas Jungfräuliches, was den Leuten gefallen muss."

Henriette Herz verteidigt in ihren Jugenderinnerungen Börne vehement gegen die Vorbehalte ihres Freundes Friedrich Schleiermacher. Sie bezeichnet ihn mit Nachdruck als "interessanten Menschen" und kommt auch auf eine Haltung zu sprechen, die allen literarischen und politischen Aktionen Börnes zu Grunde liegt. "Es war ihm um alles, was er schrieb, heiliger Ernst, der sich nur hinter der Form des Scherzes und der Satire versteckte." Wer sich diesen Satz als Leitmotiv für eine Börne-Lektüre aneignet, wird auch die Berliner Briefe mit dem Augenmaß lesen, das sie verdienen.

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