Kultur : Berliner Galerie Michael Haas zeigt die apokalyptische Welt der Masken

Michael Nungesser

Der belgische Künstler James Ensor gilt als Maler der Masken, die er nicht nur gemalt, sondern auch gezeichnet hat: "Gehetzt von Verfolgern, habe ich mich zurückgezogen in eine einsame Welt, wo die Maske voller Gewalt und Glanz thront." In dem Bild "Dämonen, die mich quälen" umgeben gruselige Spukgestalten den verängstigten Künstler. Die Ausstellung bei Michael Haas anläßlich von Ensors 50. Todestag zeigt jetzt neben wenigen Ölgemälden (19 0000 bis 39 0000 Mark) und Lithografien vor allem dessen Radierungen. Im Zentrum steht die Privatsammlung von Gerard Loobuyck aus Ostende, die mit rund 150 Blättern fast das gesamte druckgrafische Werk enthält (nur als geschlossener Block, 2,2 Millionen Mark), ergänzt um grafische Werke aus Galeriebeständen (zwischen 3500 und 14 000 Mark). Gerade diese weniger bekannten Radierungen zeigen faszinierend neue Facetten des Werks von Ensor auf. Nicht nur, dass Seestücke, Landschaften und Stadtansichten viel Raum einnehmen, auch seine feinziselierende, sich zur Helligkeit des Papiers öffnende Stricheltechnik wirkt markant: Die mitunter schwer lesbare, gegenstandsauflösende Darstellung erhält größere Klarheit, zugleich tritt die Allgegenwart des Gespenstischen und Beunruhigenden hervor.

Unsicherheit, Verfall und buchstäblich Perspektivlosigkeit sind weitere wichtige Merkmale der Radierungen, auch der Naturdarstellungen. Ensors Baumlandschaften und seine von Schiffen bevölkerten Marinen scheinen durch die Macht der Elemente wie pulverisiert. Schon ans Abstrakt-Visionäre rührt die unheimliche Aquatinta-Radierung "Sternenhimmel über dem Friedhof" - Grabstätten ducken sich unter einem fleckig schimmernden, alles verschlingenden Firmament. Stadtbilder bieten Anlass für groteske Massenversammlungen ("Die Kathedrale"), und die Zeitgenossen, ob "Gendarmen", "Grubenreiniger" oder "Spieler", treten als Spottfiguren auf. Sich selbst sieht Ensor als Gerippe ("Mein Porträt im Jahre 1960") oder als Christus, der nicht nur im "Einzug Christi in Brüssel" auftaucht, sondern auch in der Hölle und bei den Bettlern. Die Welt erscheint als große Maskerade, und "Der Tod verfolgt die Menschenherde". Ganz ins Fantastische reichen fiktive historische Szenen wie "Höllischer Umzug" und "Hexenmeister im Wirbelsturm". Doch selbst bei dem der Apokalypse entlehnten "Engel des Verderbens" bleibt deftiger Humor nicht außen vor: Die sich ängstigenden Menschen erscheinen als lächerliche Hosenscheißer. Parallel zu der fast musealen Schau dieses Protosurrealisten zeigt die Nachbargalerie Haas & Fuchs Arbeiten von Gustav Kluge: eine bewußte, eine aufschlußreiche Wahl. Dem kleinteiligen Kosmos von Ensor steht die düstere Bilderwelt von Kluge gegenüber, von dem sechs Gemälde (zwischen 24 000 und 65 000 Mark) und fünf Radierungen auf Leinwand zu sehen sind (je 5500 Mark). Die Ölbilder unter dem Arbeitsstitel "Schilf" entführen in einen "europäischen Dschungel", eine von seltsamen Figuren bevölkerte Schilflandschaft. Die expressiven Szenen führen merkwürdige Wesen vor, halb Mensch, halb Tier, die zaghaft das schützende Rohrgeflecht hinter sich lassen. Auch Kluge führt menschliche Grenzsituationen vor Augen, die schwer zu entschlüsseln sind: Die Welt als Rätsel, der Künstler als Seher und Provokateur.Galerie Michael Haas u. Haas & Fuchs, Niebuhrstr. 5, bis 31. Dezember; Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. Katalog "James Ensor. Visionär der Formen" 68 Mark.

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