Berliner Häuser (15) : Bio-Milch und Ikonen-Pracht

Die Choriner Straße 20 zeigt den Wandel des Prenzlauer Bergs vom bunt gemischten Kiez zum Kreativ-Paradies.

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Die Choriner Straße läuft von Mitte bis zur Oderberger Straße hinauf. Es gibt keine Hausfassade, an der nicht in den letzten 15 Jahren ein Gerüst gestanden hat. Der Prenzlauer Berg war in den neunziger Jahren eines der größten zusammenhängenden Sanierungsgebiete Europas.

Einer der vielen Neu-Berliner hinter den renovierten Fassaden ist Norbert Kuchinke, ehemaliger Moskau-Korrespondent des „Spiegel“, Ikonen-Sammler und Filmstar – zumindest in Russland. 1998 hat Kuchinke das Haus mit der Nummer 20 gekauft. Es steht für alles, was die Choriner Straße heute ausmacht: Neu verputzte Fassade, grasgrüne Haustür, im Ladenraum links sitzt ein Büro mit Filmmachern, rechts ein Verein für Kitaprojekte. Darüber wohnen außer Kuchinke und seinem Sohn, Familien, Paare und ein Mieter, der seit 20 Jahren im Haus lebt und der sich manchmal vorkommen muss wie im falschen Film – auch wenn er es nicht sagt.

Morgens sieht man junge Leute mit vollbesetzten Kinderanhängern die Straße entlang radeln und vor der Waldorf-Kita parken. In den Ladengeschäften haben sich Kreative, Schreiber, Medienleute eingemietet, „Architekten-Strich“ sagen manche hämisch. Die Choriner Straße, einst eine graue, lärmige Durchgangsstraße, in der man zusah, dass man wegkam, ist heute überaus beliebt im Kiez.

Manchmal bleiben Spaziergänger vor Kuchinkes Haus stehen und schauen nach oben. Schon immer gab es eine Durchfahrt zwischen der Choriner Straße 20 und dem Nachbarhaus, Lieferanten konnten so auf die Hinterhöfe der kreuzenden Schwedter Straße gelangen. Die Architekten Hoyer Schindele Hirschmüller, die den Umbau des Gebäudes übernahmen, überredeten den Hausherren, den Luftraum über der alten Hofdurchfahrt zu kaufen und hängten drei aufeinander gestapelte Kuben mit riesigen Fensterfronten zwischen die Häuser. So lebt Kuchinke jetzt gleichzeitig im Alten und im Neuen.

Sechs Meter hoch sind die Räume, wo die vierte Etage in das Dachgeschoss übergeht. Die Wände hängen voller Bildern der russischen Avantgarde und Ikonen teils aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Der Journalist hat sie in Russland und den einstigen Ostblock-Ländern gesammelt. Besucher führt er gern auf die Terrasse. „Sieben Kirchen sieht man von hier oben“, sagt er und lässt den Blick schweifen: Immanuel- und Marien-Kirche, Berliner Dom, jüdische Synagoge, Herz-Jesu- Kirche, Zionskirche. „Wenn die Sonne auf das Kreuz der Segenskirche scheint, leuchtet es direkt hier rüber“.

Als er 1973 mit 33 Jahren als erster Auslandskorrespondent des „Spiegel“ nach Moskau geht, sammelt er bereits Ikonen. Er publiziert Bücher und Filme über russische Kunst, Kultur und Religion, er lässt orthodoxe Chöre in deutschen Domen auftreten und sammelt Geld um ein russisch- orthodoxes Kloster in Schloss Götschendorf, nordöstlich von Berlin, zu bauen.

Quer über die Straße verlaufen Trennlinien. In einem Nachbarhaus gegenüber wohnen Kalle und Gerd, beide seit mehr als 50 Jahren. Wie es früher hier war? Die Antwort kommt prompt: ganz anders! Eine echte Berliner Straße sei es gewesen. „Klempner-Straße“, wegen der vielen Klempner, Glaser, Schrauber. Eine Wohnung kostet 60 Ostmark, eine Zeitung 15 Pfennig, auch mit kreativen Berufen, wie Kalle und Gerd sie haben – der eine arbeitet am Theater, der andere ist Grafiker – konnte man gut leben. Dass die Freiberufler, die heute in der Choriner Straße wohnen und arbeiten, für jeden Euro kämpfen, nichts anderes wollen und sich dabei auch noch frei fühlen, ist ein Grund, warum Kalle und Gerd mit den neuen Nachbarn nichts gemeinsam haben.

In den Siebzigern lebten Chirurgen, Arbeiter, Schauspieler und Säufer in der Choriner Straße Tür an Tür. Ein Stück weiter oben, wo jetzt ein spanischer Kinderbuchladen ist, war das „Rechenberg“, eine Kneipe benannt nach dem Besitzer. Es gab dort einen einarmigen Banditen. Ein großes Bier kostete 90 Pfennig. Dass es Spitzel gab, die mitnotierten, war jedem klar. Wenn die Kneipen um ein Uhr nachts schlossen, kaufte man ein paar Bier und zog weiter in irgendeine Wohnung. Ein stinknormales Leben, das gab es auch in der DDR.

„Oje“, dachte Kuchinke, als er das Gründerzeithaus mit den Erkern zum ersten Mal sah. Die Fassade bröckelte, die Hälfte der Fensterscheiben war kaputt. Die Wände feucht vom Schwamm. Aber das Haus war nicht zu groß und Kuchinke gefiel der Prenzlauer Berg. Also reiste er nach Südtirol und überzeugt die Besitzer, die das Haus geerbt und nie gesehen hatten, an ihn zu verkaufen.

Die Choriner Straße hat schon einmal einen gigantischen Immobilienboom erlebt. 1868, als die Berliner Stadtmauer abgetragen wurde. Die Straße wurde bis 1910 annähernd komplett bebaut. Wohnraum wurde dringend gebracht. Die Menschen strömten von überall nach Berlin. 1890 erwarb ein Kreuzberger Bauunternehmer etliche Baufelder in der Choriner Straße, von der Nummer 20 bis hinauf zur Nummer 42. Laut dem Berliner Adressbuch gehörten zu den ersten Mietern in der heutigen Nummer 20 (früher 21) ein Schlosser, zwei Witwen, ein Schneider, ein Rohrbieger, später auch Kaufleute, ein Postassistent, ein Gastwirt, Mützenmacher und ein telegrafischer Beamter. Während im Nachbarhaus zumindest der Arzt und der Apotheker Telefon hatten, gab es das hier nicht. Dafür hatte man Toiletten, wenn auch manchmal ein Stockwerk tiefer. Um sich zu waschen, ging man ins Stadtbad an der Oderberger Straße.

Nicht nur die Mischung der Berufe und Schichten war ausgeprägter als heute. 1932 waren elf Prozent der Bewohner der Choriner Straße Juden. Wo jetzt die Waldorf-Kita steht, befand sich die „zentrale Kleiderkammer der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“. Bedürftige konnte sich dort von 9 bis 12 Uhr Schuhe, Wäsche oder Bettfedern holen. „Besuche außerhalb der Zeiten sind zwecklos“, mahnte ein Schild. Im September 1941 mussten Juden aus den Bezirken Pankow, Prenzlauer Berg, Reinickendorf und Wedding ihre gelben Sterne gegen Zahlung von 10 Pfennig in der Turnhalle der VI. Jüdischen Volksschule in der Choriner Straße 74 abholen.

In den siebziger Jahren konnte der Verfall der Altbauten kaum gestoppt werden. Der Leerstand zog Menschen an, die anders leben wollten. „Das Besetzen von Häusern hatte am Prenzlauer Berg weniger eine politische Dimension, sondern man benötigte den Raum, um sich von den Eltern abzunabeln und um seinen künstlerischen Ambitionen nachgehen zu können“, schreibt Frank Böttcher in seinem Buch „Durchgangszimmer Prenzlauer Berg“. Die Menschen lebten einen Gegenentwurf zur DDR- Wirklichkeit, dieses Lebensgefühl begründete den Mythos, der später so viele nach Prenzlauer Berg zog.

Heute stehen Bio-Milch und Boogaboo- Kinderwagen für die Choriner Straße. Antonia Coenen, die Dokumentarfilme produziert und sich das Erdgeschoss-Büro in der Choriner Straße 20 mit drei Kollegen teilt, macht keinen Hehl daraus, dass sie auf Bio-Milch wert legt und gern beim Italiener an der Ecke Mittagessen geht. Die gebürtige Kölnerin, die 2006 nach Berlin kam, arbeitet hier, weil alle ihre Freunde hier leben. Bei Kalle und Gerd aus dem Nachbarhaus ist es genau umgekehrt: Ihre Bekannten sind fast alle weg. „Es ist ein angenehmes, komfortables Leben“, sagt Coenen, „aber nicht das echte Leben.“

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