Kultur : Berliner Hochschule der Künste: Studenten im Sechserpack

Peter Herbstreuth

Bei Galeristen ist bekannt, dass einige der großen und kleinen Stars, die in den letzten Jahren von Berlin aus reüssiert haben - Monica Bonvicini, Heike Baranowsky, Martin Dörbaum, Maria Eichhorn, Gunda Förster, Johannes Kahrs, Robert Lucander, Manfred Pernice e tutti quanti - an der Hochschule der Künste studierten. Über Anteile an ihrem Erfolg gehen die Urteile auseinander. Doch das anfeuernde Klima, das die Galerien der Stadt in den letzten sieben Jahren verbreitet haben, erfasste auch den Fachbereich "Freie Kunst" und wirkt wie ein Stachel im Fleisch der Klassen von Lothar Baumgarten bis Katharina Sieverding. Mittlerweile werden die Studenten im Sechserpack getestet.

Der Galerist Michael Schulz hatte die neue Luft gerochen und im letzten Jahr zwölf Schüler von Georg Baselitz vorgestellt. Das Sondierungsprojekt bescherte ihm den Maler Norbert Bisky, dessen Werk im Herbst auf der Art Cologne so gute Figur machte, dass Schulz verkaufte, was von Bisky vorrätig war. Dafür wurde Bisky mit einer Soloschau belohnt (bis 28. April), die die neuen Sammler in einen Rotpunktdistrikt verwandelten: ausverkauft.

Galeristen besuchen nicht mehr nur den "HdK-Rundgang" im Sommer. Sie sondieren bereits bei Absolventenprüfungen. So machen es außer Schulz auch Michael Wewerka, Raffael Vostell und Ulrich Gebauer. Die Stiftung Starke jedoch verlässt sich ganz auf die Prüfer der Hochschule und zeigt unter dem Titel "Junge Kunst 1 - Ausgezeichnet!" Meisterschüler in Serie (bis 21. April). Mehdi Chouakri hatte im November Ausschau gehalten. Jetzt wird er parallel zur Berlin-Biennale seine Auswahl unter dem trendy Titel "Berlin Republic. New Art from Germany" ins Rennen schicken (19. April bis 19. Mai). Bei so viel Zugwind geben Bedächtige zu bedenken, es sei wichtiger, die zarten Werke vor dem heißen jungen Markt zu schützen, die Absolventen erst reifen zu lassen und sie vor allem davor zu bewahren, verheizt zu werden. Vergeblich: Reife den Rentnern, Ruhm den Entschlossenen. Die jungen Frauen und Männer wollen ihre Werke im Licht des Öffentlichen sehen und drängeln nach vorn. Meist wird schon bei der ersten Gruppenschau sichtbar, wer dem Werkgedanken Kontur und Richtung zu geben versteht, wer ihn ungeschickt verwirrt, und wer nur heiße Luft zu bieten hat. Wem aber der Einstieg gelingt, für den beginnen die Mühen des Aufstiegs. Galeristen neigen dazu, langfristig zu planen und drosseln das Tempo, wenn die Nachfrage bei Kuratoren und Sammlern sich eingespielt hat. Bevor aber gebremst werden kann, müssen Künstler erst auf Touren kommen und ihr Werk in der Welt bekannt machen. Und bekannt wird es nur durch nachhaltige Präsenz. Dafür müssen Künstler - entgegen der Einwände der Bedenkenträger - heftig heizen. Ringe um die Augen und fahle Gesichter sind untrügliches Zeichen dafür, wie ungesund das Leben mit der Kunst ist. Doch fördert die erste Heizperiode den Blick für die Werkökonomie zwischen Weglassen und Zutun und schärft das Gespür für das Wesentliche. Nicht Marktferne, sondern produktiver Hochdruck gegen den Widerstand des Öffentlichen lässt ein Werk reifen und aus Studenten Künstler werden. Höhe- und Wendepunkt sind erreicht, wenn sich nach wenigen Jahren das verheerende Gefühl einstellt, ausgebrannt zu sein. Dann scheiden sich die Profis von Amateuren.

Die Ausgebrannten bedenken alles neu und fundieren ein Hauptwerk. Dafür steht der ehemalige HdK-Schüler Olaf Metzel ebenso wie der ehemalige HdK-Absolvent Georg Baselitz. Gelingt das nicht, verschwindet der Künstler frühvollendet aus der öffentlichen Diskussion und produziert fortan für den verbliebenen Sammlerkreis. Manche ergattern eine Professorenstelle, werden gute Lehrer und lernen die Kunst jenseits medialer Aufmerksamkeit zu schätzen.

Aber dieses Schema passt nicht immer. Es gibt prominente Ausnahmen wie Maria Eichhorn, die von Christos Joachimides aus der HdK-Quergalerie heraus 1991 für "Metropolis" gebucht und für die Venedig-Biennale empfohlen wurde. Seither entwickelt sie kontinuierlich ihr Werk und hat nie überproduziert. Zu keinem Zeitpunkt war sie eine Marktikone, vielmehr eine behutsame Künstlerin durchdachter Arbeiten im avancierten Konzeptbereich mit prominenten Ankäufern. Sie ist untypisch. Typisch für den jungen Markt sind Franz Ackermann, Michel Majerus, Robert Lucander, Daniel Richter. Bei diesen ist sowenig wie bei den genannten HdK-Abgängern gewiss, ob sie den nächsten Dreh der Diskurs- und Marktspirale bewerkstelligen. Die jungen Berliner Wilden der achtziger Jahre vermochten es nicht.

Eine Faustregel besagt, dass sich nach fünf Jahren ein Jahrgang lichtet und nach zehn Jahren fünf Künstler bleiben, die für eine Generation stehen. Außenseiter betrifft diese Regel nicht. Die gute Nachricht ist, dass nun die Chancen größer sind, unter den glorreichen Fünf auch ehemalige HdK-Absolventen zu finden. Deshalb der run zu den Besten der Klassen von Appelt, Badur, Baselitz, Baumgarten, Evisson, Gonschior, Hacker, Held, Hödicke, Horn, Ikemura, Koberling, Marvan, Möbus, Petrick, Sieverding, Stelzmann. Auch von anderen Kunstschulen drängeln Absolventen an die Rampen. Das trügerische Starsystem hat viele erfasst. Doch in Berlin war das Umfeld nie besser, nicht nur zu starten, sondern auch in Schönheit zu leuchten, weil die Strukturen der Galerien, Kunsthäuser, Kuratoren, Berater, Kritiker, Sammlungen und Banken allmählich ineinander greifen. Die stets besorgten Bedenkenträger sprechen an diesem Punkt der Diskussion gerne von "Mafia". Das ist ein anderes Thema.

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