Kultur : Berliner Kulturpolitik: Theater der Grausamkeit

Rüdiger Schaper

Es steht im Koalitionsvertrag. SPD und PDS wollen die Zuwendungen für das Berliner Ensemble, die Schaubühne, das Grips- und das Hebbel-Theater "degressiv" behandeln. Schlosspark- und Hansa Theater erhalten ab 2003 kein Geld mehr. Seit Wochen rechnet die Berliner Kulturverwaltung weitere Schließungsmodelle durch. 22 Millionen Euro sollen für den Doppelhaushalt 2002 / 2003 bei der Kultur gestrichen werden. Nun sind dem Tagesspiegel die ersten Pläne bekannt, mit denen Kultursenator Thomas Flierl dieses Ziel glaubt erreichen zu können: Das Maxim Gorki Theater steht auf der Strichliste, ebenso das Ballett der Deutschen Oper, und dem Berliner Ensemble geht es enger an den Kragen.

In nebulösen Äußerungen hat Senator Flierl zuletzt Theaterschließungen angedeutet. Er wolle sich damit, trotz anderslautender Beteuerungen von Rot-Rot im Wahlkampf, "Spielraum" verschaffen. So gerät das Gorki Theater Unter den Linden ins Visier, die kleinste der Berliner Staatsbühnen. Die jährlichen Subventionen belaufen sich auf rund 8, 5 Millionen Euro. Intendant Volker Hesse leitet das schmucke Haus erst seit Beginn dieser Spielzeit - eine viel zu kurze Spanne, um bereits ein klares Profil zu entwickeln. Senator Flierl hatte am Freitag den Besuchder Premiere von Goethes "Iphigenie" (Kritik Seite 30) kurzfristig abgesagt. Aus Imagegründen will der PDS-Politiker größere Eingriffe in West-Berlin vermeiden. Den Verkauf des Theaters des Westens hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schon letzten Sommer eingeleitet.

Das Maxim Gorki Theater, hinter Schinkels Neuer Wache im ehemaligen Haus der Singakademie gelegen, ist eine Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg. Früher lag der Schwerpunkt auf russischer und DDR-Dramatik. Nach der Wende entwickelte Bernd Wilms, heute Intendant des Deutschen Theaters, dort eine spezielle Spielart des Berliner literarischen Boulevard - mit Stars wie Harald Juhnke, Ben Becker und Katharina Thalbach. Volker Hesses Konzept ist moderner, offener, mit stärker experimentellem Charakter. Hesse leitete zuvor mit Erfolg das Theater am Neumarkt in Zürich.

Bereits 1993 stand das Gorki (zusammen mit der Volksbühne) auf der Liste der Grausamkeiten. Schließlich liquidierte der Senat in einer nächtlichen Chaos-Sitzung das Schiller-Theater. Die öffentlichen Reaktionen waren verheerend. Die Schließung führte erst Jahre später zu einem Spareffekt. Der Senat wurde mit arbeitsrechtlichen Verfahren überzogen und erlitt Schiffbruch mit der Verpachtung der Immobilie. So soll es auch jetzt wieder zugehen: Schließung des Gorki ohne Vorwarnung und sofort. Erst vor zwei Jahren hatte Berlin das Theater für 5 Millionen Euro umgebaut und renoviert.

Unklar ist das Schicksal des Berliner Ensembles, das pro Jahr rund 13,5 Millionen Euro Zuschüsse erhält. Der Vertrag mit Direktor Claus Peymann läuft bis 2004. Danach sollen die Lotto-Mittel (rund 3 Millionen Euro) gestrichen und über neue Gesellschafter nachgedacht werden. Anders als das Gorki Theater ist das BE eine GmbH und im Prinzip auch leichter antastbar. Nach der gescheiterten Opern- und Ballettreform steht offensichtlich das Ballett der Deutschen Oper zur Disposition. Dem Vernehmen nach bietet Generalintendant Udo Zimmermann dieses Opfer selbst an.

Der Sparhaushalt soll bis zum 19. März stehen. Wie angespannt und aggressiv die Stimmung ist, zeigt sich sogar im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses, wo gar keine Finanzentscheidungen fallen. Die Regierungsparteien SPD und PDS wollen mit ihrer Mehrheit erzwingen, dass der Tagesordnungspunkt "Sparmaßnahmen" für die Sitzung vom 4. März gestrichen wird. Flierl will sich nicht in die Karten schauen lassen und setzt auf den Überrumpelungseffekt.

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