Kultur : Berliner Kunstpreis: Stille Architektur

Jürgen Tietz

Die österreichische Architekturszene gehört zu den buntesten in Europa. Lustvoll mäanderte sie in den letzten Jahrzehnten zwischen Postmoderne, High-Tech-Ästhetik und Dekonstruktivismus hin und her. Inmitten dieser formalen Vielfalt bieten die Arbeiten von Hermann Czech ein Stück Kontinuität, zeichnen sie sich doch durch ihre bewusste Alltäglichkeit aus. Am heutigen Sonntag nun wird Hermann Czech der mit 30 000 Mark dotierte Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste verliehen.

Immer wieder hat sich Czech mit der Großstadt auseinandergesetzt. Für den gebürtigen Wiener Czech (Jahrgang 1936) erwies sich das Kaffehaus als typische Herausforderung. Mit der "Wunderbar" (1976) und vor allem mit dem "Kleinen Café", ebenfalls aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre, ist ihm eine Inkunabel der jüngeren Wiener Kaffeehauskultur gelungen. Es ist ein Raum, der bei dem unbedarften Betrachter den Eindruck erweckt, dass es so immer gewesen sein könnte, wie Czech selber einmal formuliert hat. Die bemerkenswerten Details und die Vielschichtigkeit der Gestaltung, die wiederverwendeten Materialien oder die subtile Regie der Blickführung, all dies erschließt sich erst beim genauen Hinschauen. Hier beweist sich Czech als Meister einer Architektur des "Zweiten Blicks".

Sein komplexer Umgang mit dem historischen Bestand und die intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort kennzeichnen auch seinen zwei Jahrzehnte jüngeren Umbau des Kundenzentrums der Bank Austria in Wien (1997). Vielleicht gerade wegen seiner Kenntnis des Vergangenen erscheint Czech nichts so gut, als dass es nicht noch verbessert werden könnte. Etwa wenn er für das Café des Museums für Angewandte Kunst das Thema des Bugholzstuhles von Thonet weiterentwickelt.

Vor dem Hintergrund seines Ausspruchs "Architektur ist Hintergrund, alles andere ist nicht Architektur" wird Czechs Projekt von 1993 zur Bebauung des Kasernengeländes neben dem ehemaligen KZ Sachsenhausen verständlicher, mit dem es ihm darum ging, den abstrakten Gedenkort mit dem konkreten Wohnen und der Stadt zu konfrontieren. Es wäre sträflich, das Selbstverständliche und Beiläufige, das den Arbeiten Czechs anzuhaften scheint, mit der tatsächlichen Banalität des Alltags zu verwechseln. So erweist sich sein vordergründig traditionelles Einfamilienhaus in einem Wiener Vorort letztlich als ironische Meditation über die Ahnherren der Wiener Moderne.

Hier liegt auch die Schnittstelle zu der anderen Profession Hermann Czechs, dem Autor und Architekturhistoriker. Als schreibender Architekt hat er sich immer wieder intensiv mit den Werken von Adolf Loos und Josef Frank, aber auch Otto Wagners auseinandergesetzt. Seine oft pointierten, immer aber scharfsinnigen und lesenswerten Texte und Kritiken - sie liegen im Wiener Verlag Löcker vor -, weisen Czech als vielseitigen Kenner aus und bieten einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis seines architektonischen Schaffens.

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