Kultur : Berliner Lehrjahre

Salonlöwe mit Biss: Nicolaus Sombart zum 80. Geburtstag

Gregor Eisenhauer

Die Kunst, Memoiren zu schreiben, besteht darin, so lange zu leben, bis man seinen Erinnerungen stilistisch gewachsen ist. Nicolaus Sombart hat ausgehalten. Seinen 60. Geburtstag feierte er 1983 mit dem ersten Teil seiner Autobiographie „Jugend in Berlin“. Dort, in einer Grunewalder Professorenvilla, ist er geboren, allerdings nicht wie andere in einem Wochenbett, sondern auf dem Chaiselongue im Salon der Mutter, die ihn gemeinsam mit den illustren Freunden des Hauses darin bestärkte, aus dem Schatten des Vaters herauszutreten. Werner Sombart, Professor für Nationalökonomie, war ein Mitbegründer der Soziologie und ein Name, der dem Sohn viele Türen öffnete – und wenig Hoffnung auf eine eigene große Zukunft ließ.

Nicolaus Sombart promovierte dennoch im gleichen Fach, als einer der letzten Schüler von Alfred Weber, zog von Heidelberg nach Paris, eigentlich um seine Habilitation vorzubereiten, tatsächlich aber übte er sich hauptsächlich darin, ein kultiviert skandalöses Leben als Bel’ami zu führen. Und obwohl er den Plan einer Professur zugunsten existenziellerer Verlockungen aufgegeben hat, gelang ihm nach seiner Rückkehr die Kehrtwendung ins Bürgerliche. Sombart machte politisch Karriere: 30 Jahre in Straßburg als europäischer Beamter auf hoher, später höchster Ebene der Kulturbürokratie.

Dann, auch für ihn selbst überraschend, kam die Wiedergeburt als Künstler. 1982 wird Nicolaus Sombart zum Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg berufen. Wohl niemand in diesem Jahrgang, der Namen wie Philippe Ariès, Odo Marquard oder Christian Graf von Krockow versammelte, hat dieses Jahr so gut genutzt wie Sombart. Aus dem Erinnerungsaustausch mit den Fellows entstand der Erinnerungs-Band „Jugend in Berlin 1933–1943“, der die großbürgerliche Atmosphäre im Hause Sombart, die Diskussionen mit Carl Schmitt, die Spaziergänge mit dem jungen Celibidache in einem eindringlichen schwebend-naiven Erinnerungston bewahrt. Die fachlichen Diskussionen mündeten Jahre später in die Studien über zwei Wegbereiter der deutschen Katastrophe: Wilhelm II. und Carl Schmitt. Letzterer war Freund des Vaters gewesen, und zugleich väterlicher Freund des Sohnes. Mit Büchern wie „Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt – ein deutsches Schicksal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos“ befreite sich der Sohn von beiden und kehrte in den Salon der Mutter zurück.

Nicolaus Sombart blieb nach Abschluss des Studienjahres in Berlin, bezog eine Wohnung, deren Interieur noch einmal das bürgerliche Leben der Berliner Gründerzeit nachinszenierte, und versammelte in seinem Salon, was Berlin noch aufzubieten hatte an Geist und Schönheit. Von nun an verstand sich der charismatische Bonvivant als maître de plaisir, der den seit Tonio Krögers Frühgeburt immer wieder gern nachgeplapperten Gegensatz von Geist und Leben auf dem Chaiselongue umstandslos aufzuheben vermochte.

„Es gibt gewiss nicht wenige Deutsche“, spottete einst der Wiener Essayist Anton Kuh, „die das Wort Erotik von Erröten ableiten.“ Sombart weiß es besser und feierte seinen 70. Geburtstag mit der Fertigstellung eines Buches, das der Erziehungsroman einer Generation hätte werden können, wenn sie denn willens zur Nachfolge gewesen wäre: die „Pariser Lehrjahre 1951–1954“. Ein unartiges Werk, denn Sombart legte es erst im Alter vor und schenkte sich so noch einmal die Erinnerung an seine Befreiung aus all jenen Zwängen, die das Kulturleben der Bundesrepublik seltsam steril werden ließen.

Heute feiert Nicolaus Sombart seinen 80. Geburtstag, und wieder beschenkt er sich mit einem Buch. Sein „Journal intime 1982/83. Rückkehr nach Berlin“ (Elfenbein Verlag) ist die Übertrumpfung der Pariser Lehrjahre, denn je unbefangener der 60-Jährige auf diesen Seiten das Recht reklamiert, sich erotisch wie intellektuell neu zu erfinden, um so philiströser wirkt das damalige Berliner Umfeld. Ein Enthüllungsjournal, das uns Leser blamiert, die wir daran erinnert werden, wie ängstlich wir unsere Zeit vertun. „Für die meisten ist das Leben wie schlechtes Wetter: sie treten unter und warten, bis es vorüber ist.“ Niemand könnte Nicolaus Sombart diesen Vorwurf machen.

Sombart liest am Mittwoch, dem 14. Mai, um 20.30 Uhr im Berliner Salon Britta Gansebohm aus seinem „Journal intime“ und dem gerade im Axel Dielmann erschienenen Band „Die Frau ist die Zukunft des Mannes“.

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